BGD - Bund für Gesamtdeutschland

Unsere Deutsche Heimat

Ausgabe 82  ¦  Juli – September 2007


Brief von Gigi Romeiser an Frau Prof. Dr. Gesine Schwan

11. April 2007

Sehr geehrte Frau Professor Schwan,

schon mehrfach habe ich gelesen, sie lehnten die Einrichtung eines Zentrums gegen Vertreibung ab. „Es würde die deutschen Vertriebenen in einer Opferrolle darstellen, die nicht dem tatsächlichen Geschichtsverlauf entspricht“, werden Sie in einer AP-Meldung zitiert. Meinen Sie das wirklich?

Das spräche für die Rechtfertigung schwerster Kriegsverbrechen und für eine erschreckende Mitleidlosigkeit diesen vertriebenen Menschen gegenüber, denen man die Heimat, Hab und Gut — einfach alles genommen hat und die auf ihren Todesmärschen unsägliches Leid haben erdulden müssen.

17 Millionen Deutsche sind vertrieben worden als Hitler nicht mehr lebte. Von Deutschland ist keine Gefahr mehr ausgegangen. Dennoch sind sehr viel mehr Deutsche nach dem Kriege ermordet worden als während des Krieges.

Die Vertriebenen sind beraubt, gedemütigt, diffamiert, erniedrigt, mißhandelt, gefoltert, vergewaltigt, geschändet, erschlagen, erschossen und bestialisch ermordet worden. Umgekommen sind bei diesen Greueltaten vor allem Frauen und Kinder! 3,5 Millionen! Sie meinen, dies seien keine Opfer gewesen?

Benesch: „Vertreibt die Deutschen aus ihren Häusern, Fabriken und Höfen und nehmt ihnen alles bis auf ein Taschentuch, in das sie hineinweinen können!“ — Die Vertriebenen keine Opfer?

Und die Welt hat zugesehen!!! Doch es hat eben nur Deutsche betroffen. Die Haager Konvention hat — Gott sei's geklagt — für Deutsche nicht gegolten! Churchill hat erklärt: „Arbeit, Leben und Eigentum aller Deutschen stehen in der vollen Verfügungsgewalt der Sieger“.

Je länger die NS-Zeit zurückliegt, um so lauter werden die Anklagen und die Schuldzuweisungen gegen unser Volk. Und in demselben Maße sinkt die Bereitschaft unserer „Gesellschaft“, der eigenen Opfer zu gedenken.

Man muß aber — so meine ich — ihrer Not und Leiden gedenken dürfen, um ihnen ihre Würde zurückzugeben.

Victor Gollancz, jüdischer Verleger, schrieb, als er die Not der Menschen in Deutschland erkannt hatte:

„Sofern das Gewissen der Menschheit jemals wieder empfindlich werden sollte, werden diese Verbrechen als die unsterbliche Schande aller derer im Gedächtnis bleiben, die sie veranlaßt oder sich damit abgefunden haben. Die Deutschen wurden vertrieben, aber nicht einfach mit einem Mangel an übertriebener Rücksichtnahme, sondern mit dem denkbar höchsten Maß an Brutalität. Die Menschen, die ich in Deutschland sah, glichen lebenden Skeletten, richtiger, sie sahen wie sterbende Skelette aus.“

Sie sprechen in Ihrem oben zitierten Satz den „tatsächlichen Geschichtsverlauf“ an. Darauf möchte ich gerne eingehen: Ich erinnere mich noch, wie sehr ich mich über eine Sendung des Öffentlich-Rechtlichen Fernsehens empörte, in der die Vertriebenen als die „letzten Opfer Hitlers“ verhöhnt worden sind. Diese historische Verkürzung ist ein unzulässiges Konstrukt, den Deutschen die Schuld an allen Verbrechen während des Zweiten Weltkrieges aufzubürden.

Jedes Verbrechen hat seine eigenen Täter; schlimm genug, daß niemand zur Rechenschaft gezogen worden ist, der an diesen unvorstellbaren Greueltaten beteiligt gewesen ist, sie angeordnet oder billigend in Kauf genommen hat.

Ihr Gedanke läßt eventuell den Schluß zu: Wer anfängt, ist an allem schuld? Der Luftkrieg gegen zivile Ziele hat seinen Anfang im September 1939 auf die deutschen Städte Wilhelmshaven, Cuxhaven sowie Westerland, Stettin und Sylt genommen und nicht im November 1940 auf Coventry (Ziel: die Zerstörung der Flugzeugmotorenwerke). London ist erst am 7. September 1940 nach dem 8.(!) planmäßigen Terrorangriff auf Wohnviertel Berlins von der deutschen Luftwaffe bombardiert worden!

Wir kommen also, sehr geehrte Frau Professor Schwan, mit der „Wer-hat-angefangen-Debatte“ nur zu wechselseitigen Schuldzuweisungen; daraus können keine Lehren für die Zukunft gezogen werden.

Versöhnung funktioniert nicht, wenn man dem Gegner die Verantwortung für seine Taten abnimmt. Es kann auch nicht angehen, daß man die Verbrechen der anderen als Vergeltung der Taten Hitlers billigt.

Die Vertriebenen sind die Opfer der Unmenschlichkeit der Sieger gewesen — und heute sind sie die Opfer der Diffamierung durch unsere Medien, Historiker, Personen des öffentlichen Lebens und Politiker. Unerträglich ist, wenn Deutsche die Verbrechen der Sieger an Deutschen rechtfertigen, verharmlosen oder billigen.

Den nachfolgenden Zitaten ist unschwer zu entnehmen, welche Ziele die Sieger gehabt haben. In der Direktive JCS 1067, Ziffer 1.4b heißt es wörtlich: „Deutschland wird nicht besetzt werden zum Zwecke der Befreiung, sondern als eine besiegte Feindnation…“

Churchills Ziel und Traum ist es schon im Ersten Weltkrieg gewesen, Deutschland total zu vernichten. Churchill im Zweiten Weltkrieg: „Sie müssen sich klar sein, daß dieser Krieg nicht gegen Hitler oder den Nationalsozialismus geht, sondern gegen die Kraft des deutschen Volkes, die man für immer zerschlagen will, gleichgültig, ob sie in den Händen Hitlers oder eines Jesuitenpaters liegt.“ (Emrys Hughes: „Winston Churchill — His Career in War and Peace“, S. 14).

Ich habe Ihre Abhandlung gelesen „Ich habe einen Traum“ (DIE ZEIT 17.08.2006). Ihre Gedanken zum Tode Ihres Gatten, den ich noch gut in Erinnerung habe als Referenten beim Hessischen Elternverein vor vielen Jahren in Bad Homburg. Ihre Gedanken zum Alleinsein und zur Partnerschaft, zur Familie und zu Kindern haben mich sehr beeindruckt.

Sie, geehrte Frau Professor Schwan, sind 1943 geboren, ich 1939. Wir haben als Kinder das Glück gehabt, diesem oben mit wenigen Beispielen beschriebenen Inferno zu entgehen. Als Familienmüttern kann es uns nicht schwerfallen, dem Leid der Mütter nachzuspüren, deren Kinder erfroren, verhungert, vergewaltigt, erschlagen oder ermordet worden sind.

Und es kann nicht anders sein, daß wir in diesen Kindern und ihren Müttern Opfer sehen, auch wenn wir beide im einzelnen über viele Dinge sicher unterschiedlicher Meinung sind.


Wer die Vergangenheit erlebt hat, kann die Gegenwart einordnen und die Zukunft gestalten.
Horst Zaborowski


UDH Nr. 82

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