BGD - Bund für Gesamtdeutschland

Unsere Deutsche Heimat

Ausgabe 83  ¦  Oktober – Dezember 2007


Böblingens Schande

Liebe Freunde,
in der letzten Ausgabe von „Unsere Deutsche Heimat“ bat ich ←, an die Stadtverwaltung von Böblingen zu schreiben. Sehr viele Kopien dieser Schreiben wurden mir zugesandt. Ich bedauere es aufs tiefste, daß ich nicht allen, die sich dieser Mühe unterzogen, persönlich danken kann. Ja — ich kann aus Platzgründen noch nicht einmal alle diese Schreiben hier veröffentlichen. Die Auswahl fällt mir ganz besonders schwer.

Mit meinem Dank darf ich Ihnen versichern, Ihr Einsatz hat sich gelohnt, wenn Sie auch alle das gleiche Schreiben von der Stadtverwaltung Böblingen erhalten haben. Die Stadtverwaltung Böblingen hat erstmals erfahren müssen, daß mit der Gestellung von Arbeitsräumen eine Ruhigstellung der BdV-Vertreter erreicht werden konnte, jedoch das erlittene Leid von Heimatvertriebenen aus dem gesamten Bundesgebiet ihnen mit der aufgestauten Wut einer Erlebnisgeneration vor Augen führte — wir leben noch und lassen uns nicht in ein Archiv der Geschichte abschieben.

Hier Abschrift einiger Schreiben an die Stadtverwaltung Böblingen:

von Eva-Maria Mai, Werner Schulz, Gerda Saborowski-Baltruschat


Eva-Maria Mai

Bad Brückenau, 15.09.2007

Sehr geehrte Damen und Herren,

vor kurzem erfuhr ich, daß das in Ihrer Stadt stehende Denkmal für die vertriebenen Deutschen des 2. Weltkrieges seit einiger Zeit verschwunden ist. Als Heimatvertriebene aus dem deutschen Osten kann ich diese Meldung nicht einfach ignorieren. Ich bitte Sie deshalb, mir umgehend mitzuteilen, wie es dazu kam.

Als eine noch lebende Zeitzeugin von Flucht und Vertreibung, vor allem aber auch der Zeit nach Kriegsende vom 08.05.1945 bis zur Ausweisung durch die Polen im August 1946, habe ich nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht meinen toten Vorfahren gegenüber, darauf zu achten, daß sie nicht schon nach 60 Jahren vom eigenen Volk vergessen werden. Dies kann leider nur noch durch Denkmäler geschehen. (Ein Denkmal sagt nämlich: „DENK MAL“!) Hat man das in Böblingen verlernt? Dann sollte ich Sie vielleicht doch mit einigen Erlebnissen bekanntmachen, die mir persönlich widerfuhren, so und schlimmer aber hundert und tausendmal allen anderen Ostdeutschen passiert sind.

Ich habe eine Zeit unter erst russischer, später polnischer Schreckensherrschaft erlebt, die mich als damals 14-/15-Jährige bis heute verfolgt und traumatisiert hat. Die längste und schrecklichste Zeit davon war die, in der Hitler längst tot und über ein Jahr „Frieden“ war, jedenfalls in Westdeutschland! Sie, die heutigen Stadtväter von Böblingen, haben von dieser Zeit auch nicht den Hauch einer Ahnung.

Mein Großvater z.B., Besitzer eines großen Bauernhofes, der seit einigen hundert Jahren im Familienbesitz war — übrigens ein stadtbekannter Nazigegner und praktizierender Freund seiner jüdischen Nachbarn während der Verfolgung — wurde von den Russen, später den Polen, halbtot geprügelt, weil er deren Sprache nicht verstand. Seine Frau, meine Großmutter, verhungerte, genau wie meine 24-jährige Tante, die an Typhus starb, genau wie rings um uns reihenweise die Menschen, die deutschen natürlich. Meine Tante hinterließ uns ein dem Tode nahes Baby von ca. 1 1/2 Jahren, dessen Vater in russischer Gefangenschaft war. Für Deutsche gab es auch ein Jahr nach Kriegsende nur trockenes Brot und Suppe für die, die noch arbeiten konnten, und das waren wenige. Es gab für uns weder Medikamente, noch ärztliche Hilfe, ganz zu schweigen von einem Krankenhaus. Die sogenannten Sieger freuten sich ja über jeden Deutschen, der — ich zitiere: „krepierte“! Und falls bei Ihnen (ich weiß nicht, wie alt Sie sind) eine kleine Nachhilfe in Geschichte notwendig ist, sei erinnert, daß dies alles nicht in Polen, sondern in urdeutschem Land geschah!

Jetzt noch aufzuführen, was dann im August 1946 während der Ausweisung noch geschah, die heute schon hin und wieder als „Wanderung“ bezeichnet wird, würde den Rahmen dieses Briefes sprengen.

Ich aber kann und werde das bis an mein Lebensende nicht vergessen. Und genau wie das jüdische Volk seit über 60 Jahren nahezu im Wochentakt an 6 Millionen ermordete Juden erinnert, immer neu Denk- und Erinnungstätten fordert und auch bekommt, werde ich mich dagegen auflehnen, daß meine 2 Millionen ermordeten, vergewaltigten, verhungerten und in den Selbstmord getriebenen Landsleute vom eigenen Volk auch 60 Jahre danach noch verschwiegen bzw. ignoriert werden. Schlimmer noch — die wenigen bescheidenen Steine, die an Flucht und Vertreibung erinnern könnten, werden, wie jetzt in Böblingen, klammheimlich entfernt.

WARUM??? Was unterscheidet die Bevölkerung im deutschen Osten von der in Baden-Württemberg bzw. Böblingen?

Wir lieben unsere Heimat und unser Vaterland und wollten dort in Frieden leben, wie Generationen Deutscher vor uns, genau, ganz genau so, wie die zur damaligen Zeit in Böblingen lebenden Menschen — Ihre Väter und Großväter!

Und Sie als deren Nachkommen fühlen sich offenbar von einem Stein gestört, der erinnert, welch sinnlosen und erbärmlichen Tod ihre deutschen Schwestern und Brüder im Osten Deutschlands gestorben sind!

Wenn ich mich dagegen nicht wehren würde, käme ich mir wie ein Verräter an meinen geschundenen Landsleuten, meiner Familie und meiner geliebten Heimat vor. Ich würde mich schämen, genau so, wie ich mich schäme für die Deutschen, die die Beseitigung des Denkmals in Böblingen zu verantworten haben.


Werner Schulz, Lt.a.D.d.Lw.
geb. am 15. VII. 1914

Bonn am 14. IX. 2007

Verehrte Stadtväter,
als nichtgefragter Zeitzeuge habe ich gestern im Juli–Septemberheft des BGD — Bund für Gesamtdeutschland, Ihren Mitbewohner Heinz Sprodowski vor dem Denkmal in Böblingen, Berliner Straße abgebildet gesehen, das für unsere vertriebenen Deutschen des Zweiten Weltkriegs errichtet worden war.

Dieses kleine Denkmal zur Erinnerung eines an deutschen Vertriebenen begangenen Verbrechens Polens und der Tschechei, die mit Schändung und mit geradezu viehischem Massenmord in Millionenhöhe verbunden war, „sollte jene Stadtväter ehren“, die ihre selbstverständliche Pflicht im Errichten dieses Denkmals sahen. Dieses Denkmal gibt es nicht mehr?

So wie man das Alter als sittliche Pflicht ehrt, gehört es sich, jener Frauen und Männer zu gedenken, die unverschuldet ihre Heimat ebenso verloren, wie millionenfach auch ihr Leben und ihre Würde.

Wir Veteranen sind nicht umerziehbar, ausgenommen jener, die jenen Alliierten zu Diensten sind, weil ihr Charakter keine Würde kennt und sie Meister der Lüge, — des Verrats, der Anpassung à la: „wes Brot ich eß, des Lied ich sing“ sind.

Vor Jahrzehnten sagte der Alt-SPD-Bundeskanzler Helmut Schmidt, daß man „aus deutscher Geschichte ein Verbrecheralbum gemacht habe!“ Wie wahr!

Vom Böblinger Stadtrat erwarte ich den natürlichen Stolz, sich von keinem Pöbel herausfordern zu lassen, sondern sich dem natürlichsten Gesetz: Du sollst Vater und Mutter ehren, auf daß es „Dir“ wohlergehe und „Du“ lange lebest auf Erden!“ zu beugen. Dieses jahrtausendalte Gesetz gilt zeitlos.

Zeitlos gilt auch dieses hohe Wort aus der Charta der Heimatvertriebenen vom 5. August 1950 in Stuttgart verfaßt:

„Wir haben unsere Heimat verloren. Heimatlose sind Fremdlinge auf dieser Erde. Gott hat die Menschen in ihre Heimat hineingestellt. Den Menschen mit Zwang von seiner Heimat zu trennen, bedeutet ihn im Geiste töten!“

Böblingen ist m.E. verpflichtet, ein Zeichen zu setzen!

Ein neues, großes, tief im Erdreich verankertes Denkmal wird der neuen Zeit zeigen, daß Deutschland lebt und sich nicht so billig von nichtsnutzigen Lumpen den Schneid nehmen läßt.


Gerda Saborowski-Baltruschat
Celle-Garßen, 10. September 2007

Sehr geehrte Damen und Herren!

Mit Erschütterung nehme ich zur Kenntnis, daß das Denkmal für die vertriebenen Deutschen des Zweiten Weltkrieges entfernt worden ist.

Hat man in der Bundesrepublik Deutschland kein Verständnis, geschweige denn ein Ehrgefühl für die durch Willkür, Haß und Mordlust ermordeten, oft zu Tode gequälten Deutschen? Überlebende wurden von Haus und Hof vertrieben, die nicht selten nur das retteten, was sie auf dem Leibe trugen, auch dessen noch beraubt wurden. Wer die vielen Schändungen und Qualen überlebte, wurde noch zu schwerer Zwangsarbeit herangezogen. Die sowjetische und polnische Soldateska fiel wie eine Horde wilder Tiere über uns deutsche Frauen und Mädchen her und vergewaltigten, manchmal bis zum Tode.

Hatte doch Ilja Ehrenburg sie mit folgendem Aufruf dazu ermuntert: „Nehmt die Deutschen als eure rechtmäßige Beute, brecht den Stolz der germanischen Frauen, tötet, tötet, tötet; es gibt nichts Lustigeres als deutsche Leichen“! Ich zähle auch zu diesen leidgeprüften Menschen, und meine Seele ist heute noch wund.

Sie können sich glücklich schätzen, daß Ihnen solch ein Leid erspart blieb und Sie heute leben.

Ich fordere Sie auf, das Denkmal an dem gehabten Platz wieder zu errichten und es zu hüten!


Liebe Freunde,

von der Stadt Böblingen wurden diese, und ich gehe davon aus, auch alle anderen Schreiben, innerhalb von wenigen Tagen, also umgehend beantwortet. Wir dürfen daraus schließen, das in diesen Schreiben geschilderte Leid hat den Leiter des Amtes für Kultur der Stadt Böblingen, Herrn Peter Conzelmann, M.A., zur Schadensbegrenzung veranlaßt.

Ob das Amt für Kultur den Abriß veranlaßt hat, ist aus dem Schreiben, welches auf der folgenden Seite im Original abgebildet ist, nicht ersichtlich.

Leider wohnt unser Mitstreiter Heinz Sprodowski nicht in Böblingen. Ich bitte daher unsere in Böblingen und Umgebung wohnenden Freunde, mir zu schreiben, wann sie das Denkmal zuletzt selbst gesehen haben.

Die Begründung für den Abriß durch das Amt für Kultur der Stadt Böblingen ist verständlich. Es bleiben jedoch Fragen offen: Wer hatte das Denkmal, auf welche Kosten aufgestellt? Schäden an Betonplatten kommen nicht in wenigen Tagen zustande. Wer war für die Erhaltung des Denkmals verantwortlich?

Die Einstellung der letzten beiden Bundesregierungen zu Unrecht und Leid, das uns Heimatvertriebenen widerfahren ist, erlaubt einige Zweifel, ob für die Erhaltung des Denkmals das Erforderliche unternommen worden ist. Sicherlich wirkt die Einstellung der Bundesregierung nicht direkt auf die Gemeinden ein. Es beschleicht uns jedoch ein ungutes Gefühl, wenn gerade in der heutigen politischen Lage das Denkmal, an einem gut einsehbaren Ort stehend, mit dem sehr klaren Anspruch auf unsere Heimat, baufällig geworden ist.

Horst Zaborowski


Antwortschreiben der Stadt Böblingen auf der nächsten Seite:

Amt für Kultur, Böblingen, 18.9.2007 158 kB

UDH Nr. 83

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