BGD - Bund für Gesamtdeutschland

Unsere Deutsche Heimat

Ausgabe 83  ¦  Oktober – Dezember 2007


Gänsegeschiche

Die Zudecke aus schlesischen Gänsefedern

In unserer schlesischen Heimat war es Brauch, daß, wer ein Häuschen hatte, neben einer Kinderschar auch eine Herde Gänse besaß, um den Bedarf an Federbetten zu decken.

Im Frühjahr, wenn die Peile aufgetaut war, ließ Mutter die Gänse ins Wasser, damit sie sich paaren konnten. Es dauerte gar nicht lange, dann lagen die ersten Eier im Nest. Ab und zu wurden sie geschwemmt, um die etwa nicht befruchteten auszusortieren. Wie niedlich waren die kleinen Gänseküken! Stolz zog die Gänsefamilie davon; und wehe, es kam ein Fremder ihr zu nahe, der Gänserich paßte auf und zischte laut. Nun galt es, Brennesseln zu suchen. Kleingeschnitten, mit gekochten Kartoffeln oder Schalen und Kleie, gaben sie ein vitaminreiches Futter.

Im Sommer 1939, nachdem meine Schwester aus der Schule war, kam ich, damals 10 Jahre alt, an die Reihe, die Gänse auf der Wiese vor unserem Haus zu hüten. Mit einem Schulbuch oder Strickzeug beschäftigt, waltete ich meines Amtes. Hatten sich die Vögel sattgefressen, gingen sie ins Wasser. Das war ein Geschnatter den Bach hinauf! Flügelschlagen stob das Wasser perlend in die Luft, und die anderen Badegäste wurden freudig begrüßt.

Das Federvieh hatte Zeit, und von allein kam es selten heraus, also mußte das Zauberwort angewandt werden: „Wulle, Wulle, Wulle!“ Das wirkte immer. Mit „Gagagag“ kam die Gesellschaft heraus; war sie weiter weg, angeflogen.

Im Herbst fuhren wir mit unseren Zweirädern und Säcken in den nahen Gebirgswald, um Laub für die Winterstreu zu harken, und die Ziegen sollten es neben dem Gänseabteil warm und trocken haben. So nach und nach bis auf eine Zuchtgans und einen Gänserich für die nächste Aufzucht wurden alle bis Weihnachten geschlachtet.

Ach, die Peile, unser Dorfbach! Im Sommer, wenn nicht gerade Hochwasser war, badeten wir Kinder darin, und im Winter waren lange Kaascheln aufgezogen. Man lief Schlittschuh und brach auch ab und zu mal ein. Aber immer, wenn es draußen am Schönsten war, rief die Mutter uns ins Haus. Nach den Schulaufgaben wartete noch ein Berg Federn, der bis zur Fastenzeit geschlissen sein mußte. So saßen wir viele Abende in traulicher Runde um den großen Tisch. „Schläscha Sträselkucha“ gab es nach vollbrachter Arbeit und war in Kriegszeiten was ganz besonderes.

Viele Jahre wärmte mich eine Zudecke, gefüllt mit Gänsefedern aus der Heimat. Es waren die letzten von unseren Gänsen, vom Winter 1944-45. Viele Kindheitserinnerungen an unser Dorf blieben durch den Besitz des Federbettes in mir lebendig, denn da war ja ein letztes Vermächtnis zum Anfassen, um in der Nacht von der fernen Heimat zu träumen.

O selige Erinnerungen!

Gertrud Bell
In der Büg 27
90453 Nürnberg

UDH Nr. 83

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