BGD - Bund für Gesamtdeutschland

Unsere Deutsche Heimat

Ausgabe 93  ¦  Mai – August 2010


Flucht und Vertreibung

von Sigismund Freiherr von Zedlitz

Unsere schöne, so bilderreiche deutsche Sprache verfügt über zahlreiche feste Begriffspaare wie z.B. Pech und Schwefel, Schutt und Asche, Mann und Maus oder Stock und Stein. Dazu gesellte sich in jüngster Zeit das Wortpaar „Flucht und Vertreibung“. So begrüßenswert es ist, daß diese, lange Jahre hindurch tabuisierte Thematik mit den zwei markanten, aussagekräftigen Worten auch den nicht direkt betroffenen Deutschen diese Jahrhundertkatastrophe ins Bewußtsein rückte, so muß doch nachdrücklich daran erinnert werden, daß hier etwas fehlt.

In den Jahren 1944 bis 1946 im deutschen Osten, die durch die Worte „Flucht und Vertreibung“ charakterisiert werden, gab es Zeiten, die für die Betroffenen oft noch weit schlimmer waren, als Flucht, Treck oder die Vertreibung selbst. Flucht und Treck, so schlimm sie auch für die Menschen waren, bewahrten doch zumindest vielfach vor der Überrollung durch die Rote Armee, Und selbst die Ausweisung, die endgültige, brutale Vertreibung aus der Heimat 1945 und 1946, in endlosen Fußmärschen oder in offenen Güterwagen, oft auch noch der letzten Habseligkeiten durch die polnische „Miliz“ beraubt, war für die meisten das herbeigesehnte Ende eines monatelangen grauenhaften Infernos. Man ist fast versucht zu sagen, daß die Reduzierung auf das Begriffspaar „Flucht und Vertreibung“ eine, vielleicht sogar politisch gewollte Verharmlosung dieser damaligen „Tragödie unvorstellbaren Ausmaßes“ darstellt. Denn zwischen Flucht und Vertreibung lag die Eroberung durch die Sowjetarmee und die Annexion der deutschen Ostgebiete durch Polen.

Eine Zeit völliger Rechtlosigkeit für Deutsche, eine Zeit ständiger Todesangst, Plünderungen, und hunderttausendfacher Vergewaltigungen, Folterungen, Morde. Selbstmorde und Verschleppungen, kurz: eine Zeit der Hölle.

Die bange Frage drängt sich auf: Wird die Stiftung “Flucht Vertreibung Versöhnung“ den von Roman Herzog am 1. August 1994 in Warschau geforderten “Mut zur vollen Wahrheit“ aufbringen? „Nichts hinzufügen, aber auch nichts weglassen?“ Werden sich, wie es der damalige Bundespräsident forderte, “unsere Völker dem Grauen ihrer jüngsten Geschichte in aller Offenheit stellen?“ Werden somit alle diese entsetzlichen Dinge, von denen die vielen Bände der „Dokumentation der Vertreibung“ berichten, Eingang finden in die Stiftung im Berliner Deutschlandhaus? Und wenn ja, in welchem Umfang und in welcher Weise? Fragen über Fragen.

Festzuhalten bleibt jedoch: Zwischen Flucht und Vertreibung lag für Millionen Ostdeutsche eine dritte, vielleicht die schlimmste, die furchtbarste Zeit. Sie soll, sie darf nicht vergessen und schon gar nicht verschwiegen werden.


UDH Nr. 93

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