BGD - Bund für Gesamtdeutschland

Unsere Deutsche Heimat

Ausgabe 98  ¦  September – Dezember 2011


Schlesierlied

Wiederholung von früheren Ausgaben dieser Zeitung.


Heimat ist: „Wo uns Gottes Sonne zuerst schien…“

35 Jahre danach … Wieder „daheim“! ?

An einem schönen Sommertag des Jahres 1980 war ich endlich wieder „daheim“. — Daheim?... Eigentlich nur ein kurzer Besuch voller Spannung und Erwartungen! Das Fester meines Zimmers in dem damals einzigen und total herunter­gewirtschafteten Hotel unserer vom Krieg stark zerstörten Kreisstadt Glogau, weit geöffnet, konnte ich nach anstrengender Fahrt und spürbarer Übermüdung keinen Schlaf finden.

Das ist der Himmel über Schlesien, das ist die altvertraute würzige Luft, das sind tausend Erinnerungen und ebensoviele Eindrücke! So leuchteten Mond und Sterne vor vielen Jahren in mein Kinderzimmer und verbreiteten ein Gefühl der Geborgenheit, wie ich es später nicht mehr kennen­gelernt habe. Es war der Himmel, den schon unsere Eltern, Großeltern und Vorfahren vor Jahrzehnten und Jahr­hunderten von hier aus betrachteten, unter welchem sie lebten, liebten, arbeiteten, beteten und gelitten haben.

Völkische und soziale Bindungen schufen hier unter mannig­faltigen ökonomischen und ökologischen Voraus­setzungen einen eigen­ständigen Kulturkreis, der uns Heimat war und unser Leben prägte. Die Gesamtheit macht die Heimat aus. Dort wo ich hinein­geboren, dort wo ich verwurzelt bin. Es ist der Oderstrom, der Wind, die Luft, es sind die Felder und Wälder, es ist der weite Himmel, es sind die Menschen, die hier nicht mehr „daheim“ sein durften. Wohl haben die aus ihrer Heimat Vertriebenen ein neues „Zuhause“ gefunden, die angestammte Heimat ist damit nicht zu ersetzen!

Immer neue Fragen wollen beantwortet werden: Was ist Heimat? Wo ist nun eigentlich meine Heimat? Bin ich jetzt (wenn auch nur zu Besuch!) daheim? In den Straßen der Stadt lesen wir keine deutschen Namen, hören wir kein deutsches Wort, fremde Menschen betrachten uns mißtrauisch. Und so komme ich zu der Erkenntnis, daß man Heimat nicht nur erleben, sondern auch erleiden kann und ich frage mich, ob diese Stadt, dieses Dorf, dieses Land mit seinen fremden Menschen unsere Heimat nicht mehr sein darf… Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir uns mit dem Begriff „Heimat“ auseinander­setzen.

Heimat ist ein altes Wort. Zu dieser Begriffs­familie gehören Heim und heimelig. — „Ein typisch deutscher Begriff“ sagen Sprachforscher. Mag sein, daß dieser Begriff in vielen Sprachen umschrieben wird, aber offen­sichtlich gibt es nur in der deutschen Sprache dieses typische Wort „Heimat“, was Vertrauen und Geborgen­heit ausstrahlt. Sicherlich kann der Begriff „Heimat“ vielerlei Deutungen erfahren, nicht zuletzt birgt er auch eine besonders starke Gefühls­komponente in sich.

Heimat ist eine über die Zeit sich erstreckende seelische Einheit, die menschliche Willkür nicht antasten darf“, urteilt Kurt Stavenhagen. — Niedergang begann immer mit der Gerings­chätzung der Heimat und dem Vergessen ihrer Zauberkraft, Erneuerung und Aufstieg immer mit dem sich besinnen auf die ewigen Gesetze der Natur und dem Wiederfinden des Heimat­gedankens. Die Liebe zur Heimat entwickelt sich im Menschen im frühesten Kindesalter unbewußt aus einer Mischung von Erlebnissen und Gefühlen.

Der Wert und die Bedeutung seiner Heimat werden dem Menschen erst bewußt, wenn er diese verlassen muß. Besonders im fort­geschrittenen Lebensalter wünscht er sich eine Rückkehr in die ihm von Kindheit an vertraute Umgebung, um dort seinen Lebens­abend verbringen zu können und seine letzte Ruhestätte zu finden. Dies betrifft Menschen, die aus freiem Entschluß ihre Heimat verlassen haben. Anders verhält es sich bei Menschen, die unfreiwillig ihre angestammte Heimat verlassen mußten, also vertrieben wurden oder nach ihrer Flucht der verlogenen Politik Glauben schenkten und seit Jahrzehnten auf die Möglichkeit einer Rückkehr warteten. Millionen der auf Gerechtig­keit Wartenden sind inzwischen verstorben. Sie hatten zu viel darauf vertraut, daß eines Tages das Recht über Haß und Neid siegen würde.

Der Begriff „Heimat“ läßt sich deswegen so schwer umschreiben und erklären, weil er sich aus vielen zum Teil abstrakten Komponenten zusammensetzt.“

Heimat als Ort

„Heimat“ als Ort, wo man zu Hause ist, setzt Seß­haftigkeit voraus. Heimat ist das Haus, die Nachbar­schaft, die Kirche, Berg, Tal, Fluß, Bach, Wald und Wiese in der täglich erreich­baren Umwelt. Dazu gehören auch Mundart, das Gasthaus, der Bäckerladen oder gar ein bestimmter Geruch.

Für mich war und ist Heimat das Gefühl für Sehnsucht und Geborgenheit einer glücklichen Jugend und der unverbrüch­lichen Hoffnung, auch im spä
teren Leben irgendwo ein Stück dieser Erlebniswelt wieder zu finden. Heimat — wir haben sie in uns! Und darum vielleicht die Ver­bundenheit auch nach so vielen Jahren, darum vielleicht das Nachdenken und Grübeln über die so schwer erklärbare geheimnis­volle Zauberkraft der Heimat?

Der Heimatgedanke

„Die Heimat ist mehr als Lebensraum, Heimat schließt die Geschichte der Familie, des Stammes mit in sich ein. Das Eigentum des Einzelnen, die wirtschaft­liche Lebens­grundlage gehören dazu und letztlich der Arbeits­platz, die Sitten und Gebräuche (so Julius Doms). Uns sind auch die Worte von Ernst Moritz Arndt, der auf dem Alten Friedhof in Bonn begraben ist, gegenwärtig: „Wo dir Gottes Sonne zuerst schien, da ist deine Liebe, da ist dein Vaterland!“ Und seine Begründung lautete: „Denn du bist ein Mensch und sollst nicht vergessen, sondern behalten in deinem Herzen.“

Im evangelischen Sozial­lexikon heißt es: „Die Heimat gehört für den unkomplizierten, nicht durch den Intellekt verwandelten Menschen zu dem Wichtigsten, was die Welt ihm bieten kann. Aus der Heimat zieht er, wie es in Dichtung und Philosophie heißt, seine Kraft, von ihr aus findet er sein Verhältnis zur Welt.“

Franz Scholz kommt im Lexikon der Kirche zur Definition: „Heimat bietet den Schauplatz und die Bedingungen der in ihr spielenden sozialen Prozesse, sie formt den Menschen, wie sie umgekehrt dem Boden ihr Siegel aufprägt…“

Und es gibt auch eine ökologische Begründung des Heimat­gedankens. Raoul H. France schrieb vor nahezu 80 Jahren: „Weltall, Wasser, Boden, Klima, Pflanzen, Tierwelt, der Mensch der Vergangen­heit und der Mensch von heute, also die gesamte Natur und Kultur zusammen, erzeugen gemeinsam eine Frucht, nämlich die Heimat, aus der wir alle stammen und in die wir ein­gebettet sind.“

Von hier bis zum „Recht auf die angestammte Heimat“ ist es nur noch ein Schritt.“

Vom Recht auf Heimat und Selbst­bestimmung

Durch das Schreckens­erlebnis der Vertreibung ist der Heimat­begriff politisch, rechtlich und moralisch in den Normen­bereich des Völkerrechts ein­gegliedert worden. Welches Rechts­institut wollte das Recht des Menschen auf Heimat leugnen? Es gibt keine Begründung, die eine Vertreibung und eine Wegnahme der Heimat bzw. des Eigentums rechtfertigen kann.

Vieles ändert sich in der Welt: Unsere Lebensweise, die Kleidung, die Ernährung, die Arbeits­verhältnisse, die Wohnung, aber der Mensch bleibt Mensch. Er lebt nach christlichem Verständnis, gründet die Liebe zum Vaterland in der ehrwürdigen Hingabe jenen gegenüber, denen wir unseren Ursprung verdanken: Unseren Vorfahren und dem Land unserer Väter, wo unsere Wiege stand, dem Land, dem wir durch die gemeinsame Heimat, die gemeinsame Abstammung, die gemeinsame Sprache, die gemeinsame Geschichte, die gemeinsame Kultur schicksalhaft und untrennbar verbunden sind.“ (Kardinal Höffner)

1954 schrieb Spiegel-Schmidt zum Thema „Der evangelische Christ und seine Heimat“: Die Heimat, die Gott dem Bruder gibt, schützt er durch seine Gebote. Ihr Raub ist Frevel. Der Mensch hat auf Erden ein Recht darauf, daß seine Heimat geachtet wird. Nur Gott kann sie nehmen.“ (Ob der polnische Papst das schon einmal bedacht hat?)

Betrachten wir auch noch den historischen Hintergrund! „Wir wissen vom Schicksal vergangener Jahr­hunderte, von frühester Herkunft und Wohnsitzen, die mit Pflug und Schwert gewonnen und verloren, verteidigt und behauptet wurden. In Jahr­hunderte langer Arbeit sind die Furchen des Landes gezogen, die dasselbe fruchtbar werden ließen und ihm den Begriff Heimat verliehen haben. In tausend­jährigem Bestehen hat sich dieses Land wiederholt verändert. Wälder wurden gerodet, immer neue Äcker und Felder entstanden, Gewässer wurden reguliert, Bauernhöfe angelegt, Dörfer und Städte gegründet, Boden­schätze schufen neue Land­schaften. Oft wurde die unermüdliche Kultur- und Aufbau­arbeit erschwert oder unter­brochen durch furchtbare Katastrophen, nämlich durch Feuersbrünste, durch Über­schwemmungen, durch Pest und Krieg. Diesen Menschen wurde wahrlich nichts geschenkt, sie haben für ihr Land, für ihre Heimat gelebt, gearbeitet und … gelitten.

Eine Würdigung unserer Heimat und seiner Bewohner ist eigentlich nur unter Berück­sichtigung des geschichtlich-kulturellen Hingrundes möglich, der uns erkennen läßt, daß durch Jahr­hunderte hindurch eine Haltung geduldiger Liebe gepaart mit Arbeit, Fleiß und Bescheiden­heit den Anfang aller Kultur bildete, daß dies aber oft ein Kampf um die nackte Existenz war.

So bietet die Heimat den Schauplatz und die Bedingungen der in ihr spielenden Prozesse, sie formt den Menschen, wie sie umgekehrt auch dem Boden den Siegel aufprägt. In dieser Beziehung vereinigen sich Natur und Geschichte.

Unser Schlesierland, das uns immer wieder verzaubert hat mit seinen Wiesen, Feldern, Bergen und Wäldern, wurde von vielen Völkern begehrt doch geliebt, gehegt und gepflegt und mit ihm gelitten haben nur die Schlesier, die seit mehr als 700 Jahren dort verwurzelt waren. Sie haben immer wieder Opfer gebracht an Leib und Leben. Sie haben immer wieder aufgebaut, was die vielen Kriege um diesem schöne und reiche Land zerstört hatten. Selbst diese Möglichkeit gab es nach dem letzten schreck­lichen Krieg mit der grausamen Vertreibung nicht mehr!

Was geschah, als die Waffen im Mai 1945 endlich schwiegen, gehört zu den grausamsten Gescheh­nissen am Rande der Tragödie.

Aber wir wären keine Schlesier, wenn wir nach so langer Zeit der Trennung von unserer Heimat (und zwangs­läufigen Entfremdung!) nicht immer wieder ein Gefühl der Sehnsucht spüren würden. Ist es die Erinnerung und das Wissen um die Geschicke unserer Heimat? Ist es das Nachdenken und Grübeln über die nur schwer erklärbare geheimnis­volle Zauberkraft der Heimat?

Heimat ist für den, der sie besitzt viel, für den, der sie verliert alles. Das Bedürfnis nach Heimat darf nicht verdrängt werden. Der wurzellose Mensch ist eine Illusion, der Mensch ohne Heimat krank. „Es kommt darauf an, sich bestimmter Gefühle weder zu schämen, noch von ihnen besitzen zu lassen“, ermutigt der Kirchenmann Wolfiger die Bundes­deutschen. Wir wollen diese Worte beherzigen!!

Ich nehme Abschied und durchfahre bewußt zur Nachtzeit noch einmal die mir bekannten Ort­schaften meines ehemaligen Landkreises.

Zwangsläufig drängen sich Gedanken auf und ich frage mich, ob sich die hier angesiedelten polnischen Bewohner in diesen Häusern wohlfühlen, ob sie als aufrichtige und überzeugte Christen in den fremden Betten guten Gewissens schlafen können…

Eine dichte Wolken­decke reißt auf, der Mond läßt Felder und Wälder in einem hellen Silberglanz erscheinen. Eine herrliche Schlesische Sommer­nacht, — ein wohl vertrautes Gefühl! Wer konnte dieses ergreifende Gefühl, dieses Stimmungsbild, besser beschreiben als unser schlesischer Dichter Joseph von Eichendorf in seinem Gedicht

Wenn wir uns an dem Blühen, Wachsen und Reifen erfreuen können wie Kinder an den Blumen, wenn wir wieder dem Zirpen der Grillen, dem verhaltenen Quaken der Frösche im Dorfteich, dem kaum ver­nehmbaren Surren der Libellen, dem Knirschen und Rauschen der hohen Kiefern lauschen möchten, wenn wir in diesem Land immer noch das Gefühl der Geborgen­heit empfinden, dann sind wir in der Heimat immer noch verwurzelt!

Siegbert John


UDH Nr. 98

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