BGD - Bund für Gesamtdeutschland

Unsere Deutsche Heimat

Ausgabe 99  ¦  Januar – April 2012


Nach 68 Jahren Weihnachten in der Heimat.

Mit jedem Jahr sinkt die Zahl der Menschen, die einst die Heimat verlassen haben, sei es durch Flucht oder Vertreibung. Seit jedem Jahr sinkt auch die Zahl der Menschen, die diese Heimat besuchen, sei es durch die „Abberufung“ in die Ewigkeit oder alters­bedingt. Noch geringer aber ist die Zahl derer, die auch die Weihnachts­zeit in der heimat­lichen Kirche erleben können.

1943 zur Weihnachts­zeit lebte ich noch mit meinen Eltern und Geschwistern in der ober­schlesischen Heimat. Natürlich war der Besuch der Christ­messe um 12.00 Uhr (in der Nacht) die Pflicht, ebenso auch der Kirchgang an den Feier­tagen. Ein Jahr später war ich schon unter den Waffen. Aus dem Krieg kehrte ich nach zwei­maliger Verwundung zurück, leider nicht mehr in die Heimat. Meine Angehörigen habe ich in der Heimat mehrere Male, doch nie in der Weihnachts­zeit besucht.

Nun bin ich im fort­geschrittenem Alter, die Kinder sind groß und so bin ich zur Weihnachts­zeit, mein Bruder wurde am Heilig­abend 80 Jahre, in die Heimat „gesegelt“. Nach so vielen Jahren ist auch das Reisen leichter geworden, ohne Auf­enthalt und ohne an mehreren Grenzen kontrolliert zu werden. Ich habe in Dortmund das Flugzeug bestiegen, das mich innerhalb von ca. 80 Minuten auf dem Flughafen Kattowitz ablieferte. Dort wurde ich von meinem Bruder mit einem Familien­mitglied abgeholt. Nach ca. 30 Minuten war ich im Kreise meiner Leute. Der Empfang war herzlich, zumal ich der älterste bin (85) meine drei Brüder sind jünger. Nach dem Mittag­essen und einer anschließenden Mittags­pause gab es einiges zu erzählen, der Rest des Tages verlief normal.

Nächsten Tag nun der Gang zur Stadt, das erste Haus das ich aufsuchte, war ein Gebäude das ich in meiner Jugend sechs Mal in der Woche besuchte, meine ehemalige Schule, heute aber eine Bank, um die Euro gegen die polnische Währung Zloty umzutauschen. Polen hat den Euro noch nicht. Auf dem Ringe (Marktplatz) ist eine große Weihnachts­krippe aufgestellt, leider fehlte dort der Schnee, den wir früher immer hatten. Dann ein Gang durch die Stadt. Es hat sich auch dort einiges gebessert, die Häuser sind vorwiegend renoviert, die Haupt­straßen machen guten Eindruck, auch die Bürgersteige; die Auslagen in den Geschäften sind vielseitig und gut aus­gezeichnet. Auch einige Supermärkte sind inzwischen da, die Preise, nach dem Verdienst zu vergleichen, sind nicht sehr günstig.

Nach der Mittags­pause nun die Fahrt zum Friedhof, wo meine Vorfahren die letzte Ruhe fanden. Noch vor zwei Jahren konnte ich den Weg zu Fuß machen; leider ist mir der Weg zu lang geworden. Die Gräber sind sehr gepflegt, es gab auch schon eine andere Zeit. Auf dem Friedhof steht eine Schrot­holz­kirche, erbaut 1696, vor ca. fünf Jahren restauriert - auch die Malerei in der Kirche. Sie ist dem St. Valentin geweiht. Da zu dieser Zeit schon sehr früh dunkel wird, kann man nicht viel unter­nehmen, man verbringt die meiste Zeit bei der Verwand­schaft oder noch bei einigen Bekannten, doch man ist jetzt schon fremd in der Heimat. Die meisten Bekannten aus der Jugendzeit findet man auf den Grab­inschriften.

An beiden Feiertagen sind vier hl. Messen, man muß sich aber wundern, daß der Besuch immer gut ist. Die Geburtstags­feier (80) Jahre fängt an mit einer hl. Messe, danach fand die Feier auf einem Saal statt, nicht so wie noch vor einigen Jahren, wo die ganze Ver­wandschaft „beschäftigt“ war mit den Vor­bereitungen und Bedienung. Der Tag danach war mehr als „Ruhetag“ zu bezeichnen. Für mich waren noch drei Tage zur Verfügung, einen Tag wurde ich nach Tarnowitz und Dramatal zu meinem Bruder gefahren, auch kleiner Bummel durch Tarnowitz, natürlich auch einen kleinen Einkauf nicht zu vegessen. Einen Tag hat mich mein Neffe auch durch das Gelände der Fabrik gefahren, wo ich 1942 bis 1944 meine Lehre „absolviert“ habe, leider wegen Ein­berufung zur Wehrmacht die Prüfung aber erst hier im Westen nachholen konnte. Doch diese Fahrt durch das Fabrik­gelände war für mich sehr traurig, einst war diese Fabrik die zweit­größte Papier­fabrik in Deutschland, hat nach dem Krieg noch viele Jahre produziert und war der größte Arbeitgeber in dieser Region. Nun liegt sie in Trümmern, kein Gebäude ist mehr zu gebrauchen. Jetzt sollen auf dem Gelände einige kleine Betriebe ange­siedelt werden. Millionen­werte sind hier vernichtet worden.Ähnlich verhält sich mit dem großen Gut des Grafen Henckel Fürst von Donners­marck in Woischnik. Wer eine Reise mit dem Bus durch die Heimat macht und die Touristen­routen benutzt, erhält eine etwas anderes Bild von der Heimat. Reist man aber auf „eigene“ Faust, wird man feststellen, daß dort noch sehr viel zu tun ist.

Papierfabrik Stahlhammer, Oberschlesien
(Photo: F. Mierzwa)
Stahlhammer - Oberschlesien.
Auf dem Bild ist nur ein kleiner Teil von Mauer­resten der ehemals zweit­größten Papier­fabrik Deutsch­lands zu sehen.
Hier habe ich in den Jahren 1942-44 meine Berufs­ausbildung erhalten.
Florian Mierzwa

Ich hatte auch die Gelegen­heit mit einigen Mit­gliedern der Deutschen Minderheit zu sprechen, mein Bruder ist auch Vor­sitzender einer kleinen Gruppe. Die Stimmung ist nicht besonders gut, die alten Mitglieder werden in die Ewigkeit abberufen und die jüngere Generation hat wenig Beziehung zu dieser Organisation. Im All­gemeinen wird sehr stark bemängelt, daß sich unsere Politiker um diese Menschen nicht kümmern. Sie wollen der ganzen Welt helfen aber nicht uns jenseits Oder und Neiße. Der einzige deutscher Politiker, der vor einigen Monaten mit der Führung der Minderheit gesprochen hat, war der nieder­sächsische Minister­präsident McAllister. Vor vielen Jahren hat Frau Süßmut der Deutschen Minder­heit versprochen, diese Ange­legenheit zu regeln aber auf Europäischen Grundlage. Bis heute hat sich nichts getan. Die deutschen Politiker könnten sich an den polnischen Politiker ein Beispiel nehmen, diese besuchen immer ihre Gruppen, wenn sie im Ausland sind und helfen auch finanziell. Bei uns leider Funkstille. Ob McAllister auch etwas versprochen hat, ist mir nicht bekannt.

In den zwei Wochen in Ober­schlesien kam ich mir vor wie ein Mensch in der Wüste. Die ganze Zeit wurde Deutschland weder in den Nach­richten­sendungen noch in der Zeitung genannt. Nur regionale Sendungen über Polen. Wenn aber in Warschau jemand Husten hat, bringen sie mehrere Male Sonder­sendungen. Wie jeder Urlaub, so geht auch diese Zeit wieder vorbei und es heißt, von der Verwand­schaft und der Heimat Abschied zu nehmen. Diese Tage waren schön und auch nicht arm an Erinnerung, die Erin­nerung an ein Weih­nachten nach 68 Jahren, vielleicht war es die letzte?


UDH Nr. 99

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