BGD - Bund für Gesamtdeutschland

Unsere Deutsche Heimat

Ausgabe 99  ¦  Januar – April 2012


Kriegsgefangenschaft 1945

Bericht über meine Kriegs­gefangen­schaft bei der US-Armee ab Anfang Mai 1945 und ab Mitte Juli 1945 unter der Franzö­sischen Republik.

von Dr. Volkher Biese

Biebelsheim

In Biebels­heim war ein großes Feld, das mittels hoher Zäune in zahllose Einzel­felder, „camps“, aufgeteilt war, fertig für die Aufnahme von Kriegs­gefangenen der Deutschen Wehrmacht und anderer Truppen­teile. Eine breite Lager­straße zog sich zwischen den einzelnen Feldern hindurch, in die die Gefangenen geführt wurden. An den Ecken der Gesamt­anlage waren Wacht­türme, die den US-Soldaten ständigen Überblick boten und von denen aus die vielen Kiegs­gefangenen jeden Morgen mit dem amerika­nischen Schlager „Bei mir bist du schön…“ geweckt wurden. (Hatten wir diesen Text zu dem Schlager gedacht oder hieß der Anfang auf Deutsch so? ich kann es auch heute nicht sagen.) Es war eines der zahllosen Feldlager unter US-amerika­nischer Bewachung, von deren zahllosen Dasein mit mehreren hundert­tausend „Einge­lagerten“ man erst später mehr und mehr erfuhr. Diese Einlagerung ist bei Massen­kriegen wohl immer das Geschick gefangener Soldaten.

Es war wohl in der zweiten Mai-Woche, als wir vier Kameraden, Gerhard, Heribert, Horst und Volkher, einer Aus­bildungs­einheit der leichten bespannten Artillerie dort einge­liefert wurden. Wir waren Anfang April von Mühl­hausen/Thüringen von einem Lehrgang, in dem wir auch Reit­ausbildung erhalten hatten, nach Eltings­hausen bei Eben­hausen, südöstlich von Bad Kissingen, verlegt worden. Wir waren bei verschiedenen Bauern in Scheunen untergebracht, hatten auch Ostern und Weißen Sonntag dort erlebt, im Heu schlafend, ganz soldatisch, wie wir jungen „greenhorns“ das auch nicht anders erwarteten. An einem Abend hieß: Aufbrechen zu einem Nacht­marsch. Meines Erinnerns zogen wir in den Ort Weichtungen etwa 15 km entfernt, östlich von unserem bisherigen Quartier. Nach einer Nacht Ruhe hieß es frühmorgens: Sammeln am Ostrand des Ortes, der von Westen keinen Eingang hatte, weil ein halb­runder Bergzug solchen versperrte. Zwei Straßen kamen von Süden bzw. von Norden an den Ostrand des kleinen Weilers. Früh um 6 Uhr stand eine Scheune durch Artillerie­beschuß in Brand. Mehr Kriegs­geschehen war dort nicht hingelangt. Irgendwo, von uns und dem Weiler entfernt, waren in der Nacht oder in einer frühen Morgen­stunde die ameri­kanischen Truppen in Richtung Osten vorbei­gezogen, ohne von uns Notiz genommen zu haben. Außer dem Einschlag in die Scheune hatten wir nichts vernommen, was auf die Nähe der Amerikaner hinge­wiesen hätte. Ob unser Zugführer mehr wußte, war mir nicht bekannt.

Beim Sammeln am östlichen Orts­eingang hieß es: Bildung von Gruppen zu viert und Durch­schlagen zur deutschen Linie. Wir Vier taten uns zusammen, kannten uns vorher aber nicht näher. Ich hatte seit meiner Versetzung von Frankfurt/Oder nach Neuruppin, etwa Anfang Februar, und nach weiteren drei bis vier Wochen nach Mühl­hausen/Tür. immer wieder neue Kameraden kennen­gelernt. Man konnte sich gar nicht näher kennen­gelernt haben. Erst am 14. Dezember war ich von Berlin nach Frankfurt/Oder zur 3. Artillerie-Ersatz-Abteilung ein­gezogen worden. Für den Reserve-Offiziers-Bewerber (ROB) lagen diese Ver­setzungen im Aus­bildungs­gang. Unsere Gruppen­bildung kam fast zufällig zustande.

Wir waren dann los­gezogen, in den Wald ein­getaucht, der hier an einem nach Osten geneigten Hang uns umfing und schützte. Da er kein Unterholz hatte, kamen wir gut vorwärts. Jeder hatte sein Marschgepäck: Decke, Zeltbahn, Brotbeutel, Koch­geschirr, Eßbesteck, Zahnbürste und -pasta, Waschlappen und eine ver­schraub­bare Butterdose. Dazu den Uniform­mantel, Stahlhelm und Käppi, wie üblich. Der Wald war für die nächsten zwei Wochen immer wieder, nach kleinen Unter­brechungen durch offene Feld- oder Wiesen­gelände, die wir natürlich nur nachts durch­zogen, natürlicher Schutz für uns. Nach nächt­lichem Wandern nach Marschzahl gen Osten auf eine Kimme im Verlauf der Berge und Hügel zu, kamen wir gemütlich voran und lagerten am Tage im möglichst dichten Wald. Waren wir gerade an einem steileren Abhang, dann legten wir uns mit den Füßen gegen einen Baum, so daß wir im Schlaf nicht abrollen konnten. Frisches Wasser boten immer wieder kleine Quellen, bei denen wir auch ver­schiedenen Geschmack feststellen konnten, fürs Trinken und Waschen. Bald schon geschah es, daß, nachdem wir nachts gelegentlich durch ein Dorf geschlichen waren, junge Mädels uns im Wald entdeckten und uns anschließend Brot, Schinken, Zucker und Eier brachten. So genossen wir fast jeden Tag ein „Goggel-Moggel“ oder Zuckerei und Brot mit Schinken - durch die Eispeise war das sogar schon besser als eine Brotzeit oder Vesper bei harter Feldarbeit, wie es uns z. B. von der Ernte­arbeit bekannt war.

So ging es und gingen wir vierzehn Tage nach Osten, über­querten die Rodach auf den schräg liegenden Gleisen einer gesprengten Eisen­bahn­brücke und schauten aus dem Schutz des Waldes auch auf das Tor des Klosters Banz, das von US-Truppen genutzt schien. Vielleicht als Lazarett. Wir waren vielleicht nur 100 Meter vom Tor entfernt an einem Waldrand, als wir das Kloster sahen, zogen weiter gen Osten, da in dieser Richtung auch die Eltern­häuser, meines in Berlin und das meiner schlesischen Kameraden in Crim­mitschau, Niesky bzw. Weiß­wasser weit in der Ferne wie Magnete uns anzogen. Aber die Front, zu der wir uns ja auch durch­schlagen sollten, war gewaltig viel schneller als wir, also von uns immer weiter weg­gerückt. Nach etlichen Tagen lag nördlich von uns auf einer Erhöhung Helm­brechts. Auf dem Wege hatten uns Karten geholfen, die wir von hilfreichen Händen erhalten hatten. Es waren Wander­karten mit gelegent­lichen Orts­namen.

Inzwischen hatten wir irgendwo unsere Gewehre gelassen, die Patronen aus den Patronen­taschen spitz in die Erde getreten — wer weiß wo? Sie werden nun auch längst durch Wasser und Luft zernagt sein und haben hoffent­lich niemandem Schaden zugefügt. An den zwei Sonntagen, die wir erlebten, wurden wir sogar von den Bauern an den gedeckten Mittags­tisch geladen, was bei dieser Schilderung unseres Ergehens im April 1945 unbedingt erinnert sein muß. Wir gehörten zu der Gruppe von Menschen, zu den Deutschen Soldaten, für die man für ihren jahre­langen Einsatz Dank­barkeit empfand. Aber wir selbst hatten noch kein Front­geschehen erlebt, außer, daß bei Frankfurt/Oder, bei Güldendorf, der kleine Schornstein, der aus unserem Unterstand heraus­ragte, einige Panzer­granaten aus russischer Pak auf sich gezogen hatten, die auf dem flachen Feld mit gestreckter Flugbahn, wie Aufsetzer auf einer Wasser­fläche, vorbei­geflogen waren ohne zu krepieren. Wir hatten hinterher eine dieser Pak­granaten auf dem Acker gefunden.

Mit der Zeit unserer nur schwerlich ersetz­baren und wohl einzig­artigen, Wanderung durch ein schönes Frühjahr, mit freiem Quartier, jeder hatte seine Zeltbahn für das Zelt, das wir, sobald erforder­lich, aufbauten, und mit Proviant aus den Früchten der bäuerlichen Keller des Landes, die uns von jungen Mädchen­händen gereicht wurden, also mit dieser Zeit waren wir langsam etwas leicht­sinniger geworden, was das gut geschützte Voran­kommen, nun schon mehr in Richtung Nord-Ost, betrifft. An eine etwas abschüssig auf uns zulaufende Landstraße aus dem Wald heran­gekommen, an deren Böschung wir kurz ver­harrten und nach links und rechts schauten - es war kein genügendes Sichern geworden - bemerkten wir bei unserem Sprung über die Straße zwei Jeeps sich nähern, die fast ohne Motoren­geräusch die Landstraße, vielleicht war es die zwischen Münchberg und Hof, herab­gerollt kamen, und deren Besatzung uns zurief: „hands up“. Wir folgten der Auf­forderung, stoppten unseren Lauf und begaben uns in amerikanische Gefangen­schaft. Die wirklich entspannte Wanderung durch Coburger und Franken­wald im Frühjahr war zu Ende. Und der Krieg ebenso? Er ließ uns „nur“ noch seine Nachwehen erleben.

Je zwei von uns wurden auf die flachen Kühler­hauben zweier Jeeps gesetzt. So fuhren wir wohl in einen kleinen Ort, in dessen Rathaus wir in einem Raum einge­schlossen wurden. Wir wurden beköstigt mit einer Ration aus der US-Armee-Verpflegung. Am nächsten Morgen wurden wir mit Jeep an den Rand von Bayreuth zu einem Sammel­platz gefahren, wo nun langsam ein größerer Haufen entstand, in dem der Einzelne immer mehr ein Teil immer größer werdender Massen wurde. Als vier doch noch junge Männer, etwa 17 bis 18 Jahre alt, waren wir bis dahin doch auch noch sehr als Einzel­menschen behandelt worden. Von dort fuhr uns alle ein LKW nach Kulmbach, wo ein Lager am Ufer des Weißen Mains für die Kriegs­gefangenen einge­zäunt war. Wohl fünf Tage lang regnete es und die Wiesen­narbe wurde durch die ständig wandernden Soldaten­stiefel kräftig durch­gemanscht, so daß die ewig Wandernden immer tiefer im Boden einsanken. Sie wanderten so, um warm zu bleiben. Für unsere Ver­pflegung griff die US-Armee auf die deutschen Vorräte in einem nahen Lagerhaus zurück und wir bekamen jeder je Tag eine Konserven­büchse mit 750 g Schmalz­fleisch. Wer es so unerwärmt aß, dem bekam es, aber wer meinte, es sich heiß machen zu müssen und das auch geschafft hatte, bekam eine kräftige Magen- und Verdauungs­störung!

Für das Seelenheil bekamen wir auch über Laut­sprecher etwas zu hören, wie: „…von den Bergen, von denen die Rettung kommt…“ die Berge sollten hier nun wohl die Hügel an den Ufern des Mains sein, auf die der Geistliche hinwies? - oder so ähnlich. Das sagte mir nichts, geschweige denn konnte es mir Trost oder Zuver­sicht geben. Ich brauchte beides auch nicht. Und Ängste aufzu­bauen war in meinem Elternhaus streng abgelehnt worden. Wir waren hier im Lager doch zum Folgen verurteilt, wie es Kriegs­gefangenen hinter Stachel­draht so zukommt. Der besondere Einfluß auf das eigene Geschick lag wohl nur in der eigenen Seelen­haltung, die man im Eltern­haus ver­mittelt bekommen hatte. Man war Teil der Masse von kriegs­gefangenen Soldaten, was natürlich nur im eigenen Inneren eine Grenze finden konnte. Irgendwann hatten sich zwei Bücher eingefunden, die man in Ruhe ver­schlingen konnte. Einmal: ein „Tarzan“-Band und zum anderen „Der Graf von Monte Christo“. Im Gedächtnis hielt sich davon so gut wie nichts, der Hunger ließ wohl die Speicherung im Kopf nicht zu.

Bald hatte der Abtransport nach Westen begonnen. In unserem Zelt konnten wir es fast eine Woche bei dem Regen noch aushalten und konnten denen, die solchen Regen­schutz nicht hatten, leicht den Vortritt lassen, damit sie aus der Nässe so schnell wie möglich heraus­kamen. Als dann aber die Nässe auch den Boden in unserem Zelt erreicht hatte, war unsere Lust zu verweilen auch vergangen. Wir stellten uns in die wartende Schlange, um auch mit fort­zukommen.

Kurz sei angemerkt, daß mir nur meine Arm­banduhr abgenommen worden war, bald nach der Gefangen­nahme an einer Wege­kreuzung. Nach der vergeblichen Suche eines GI's nach einer Taschen­uhr, die ich nicht mit­führte, hatte ein Pole, der etwas erhöht auf einem Schotter­haufen am Wage stand, meine Arm­banduhr am Hand­gelenk aus dem Ärmel des erhobenen linken Armes blitzen gesehen und einen GI darauf hin­gewiesen, der sie mir dann auch gleich abnahm. Mit meinem Schul-Englisch sagte ich noch: „Please, let me the watch“, das mir leider zu nicht mehr als einem nur leichten Backen­streich verhalf. Nun, Händel beginnen wollte ich nicht. In meinem Brust­beutel hatte ich noch eine etwas ältere Arm­banduhr und darauf achtete niemand. Sie besitze ich noch heute.

Von Kulmbach wurden wir zu etwa 100 Mann auf den Auf­liegern von Sattel­schleppern durch die gewundenen Straßen am Mainufer nach Würzburg trans­portiert. Waren die großen Auflieger-Trucks mit dicht gedrängt stehenden Kriegs­gefangenen, die so auch nicht umfallen konnten, durch die Kurven in einer Ortschaft gezwungen, etwas langsamer zu fahren, dann wurden uns aus den Fenstern, unter denen wir doch sehr dicht vorbei­fuhren, auch Päckchen von Tabak und andere kleine Liebes­gaben zugeworfen.

Wir kamen nach Würzburg, wo wir am Bahnhofs­vorplatz aus­geladen wurden und einige Stunden lagern konnten bis wir um etwa 22 Uhr zu einem Güterzug mit offenen Waggons geführt wurden, in die wir zu je 60 Mann hinauf­kletterten. Der Zug kam im Morgen­licht auf einem Güter­gleis in Hanau an. Es war wohl früh 6 Uhr, der Tag war schon hell und auf dem Neben­gleis entdeckten wir sehr schnell einen Ver­pflegungs-Zug der US-Armee. Einige kletterten von unserem Zuge hinunter, an einem offenen Güter­waggon wieder hinauf immer die hohen Waggon­wände, bei uns wie bei dem Lebens­mittel­zug, aber sie waren kein wirkliches Hindernis! Etliche Kartons mit den seefest gepackten Rationen der ameri­kanischen Heeres­verpflegung mit ver­schiedenstem Inhalt für kalte Malzeiten, landeten in unserem Waggon und wurden möglichst gut verteilt. Noch war es nicht so weit, daß jeder etwas davon brauchte. Die Wache hatte sich nicht gezeigt. Wir hatten wieder etwas Nach­schub erhalten.

Noch war der Hunger nicht so arg, wie er später noch wurde, nachdem wir südlich Bingen auf einem einge­zäunten Feld, ohne jeden Schatten­spender, bei Biebels­heim einge­lagert wurden.

In einem großen Armee-Zelt wurden unsere Perso­nalien auf­genommen und nach unserer Vor­geschichte, besonders nach einer Beziehung zu einer Organisation der NSDAP befragt und auch auf das Vor­handensein einer Blut­gruppen-Tätowierung am Oberarm untersucht, um eine Zuge­hörigkeit zur SS fest­zustellen. Dann wurden wir auf die einzelnen Camps verteilt. Wir Vier blieben zusammen. So konnten wir unser Vierer-Zelt aufschlagen, das uns bis Ende Juli, was wir natürlich nicht wissen konnten, bei Sonne und Regen den lebens­not­wendigen Schutz bot. Ein etwas älterer Kamerad näherte sich unserem Zelt, wir lernten uns kennen, er bat uns um seine Ein­quartierung. Obwohl aus­gebildeter Metall­ver­arbeiter, er war in Gundel­fingen an der Donau beheimatet und selbst­ständiger Unter­nehmer, schien er im prak­tischen Leben etwas unbe­holfen. Ich habe ihn im Winter 1947, als ich nach Süd­deutsch­land fuhr, auch einmal besucht. Er hatte uns alle ein­geladen, aber meine anderen drei Kameraden waren nach ihrer Ent­lassung in Mittel­deutsch­land zuhause und blieben dort auch bis heute. Das erfuhr ich, als ich nach der uner­warteten und immer erhofften Teil-Ver­einigung von BRD und DDR 1990 bald einmal Horst in Crim­mitschau besuchte.

Was war nun in dem Camp? Das Lager wurde auch mit Soldaten, die aus Norwegen kamen, belegt, auch kamen Männer aus Sachsen hinzu, die als Zivi­listen zwischen 16 und 60 Jahren von Ameri­kanern verhaftet worden waren vielleicht um sie den Russen zu entziehen, die ja diese deutsche Provinz und Thüringen nach ihren eigenen Abmachungen an die Russen übergaben im Tausch gegen die west­lichen Besatzungs­zonen Berlins. Viele Tage bekamen wir nichts zu essen. Am schlimmsten und schnellsten zehrte der Hunger an den Jüngsten und den Älteren, sobald sie vom Wildgemüse auf dem vor­maligen Felde sich zu versorgen ver­suchten. Irgendwann gab es dann eine Scheibe äußerst weißes Brot, wohl mit gut gebleichtem Mehl gebacken und dadurch kein gültiges Nahrungs­mittel, vielleicht mit einigen Spuren von Vitaminen. Doch war es endlich etwas für den leeren Magen. Ich legte mich mit der einen Schnitte, sie war wenigstens dick abge­schnitten, auf die Seite und kaute jeden Bissen genußvoll sechzig Mal, wie es von dem alten W. E. Glad­stone über­liefert ist. Zum Glück hatten wir hier unser Zelt auf­schlagen können, das auch unseren Kameraden aus Gundel­fingen zu uns geführt hat, es bot uns den lebens­wichtigen Schutz gegen Sonne und Regen. Irgend­wann erhielten wir warme Stiefel und Kleidungs­stücke aus Wehr­macht­beständen. Ich hatte einen Wach­mantel mit Schaffell-Innen­futter erhalten, auf dem ich angesichts des kühlen, wärme­zehrenden Bodens bei meiner Ischias-Reizung aus der Flak-Batterie im vor­jährigen April völlig ohne erneute Schmerzen liegen konnte. Es hatten wohl auch die Spritzen des Arztes im Januar in Frankfurt/Oder genügend andauernd geholfen. Wieder einige Tage später bestand unsere Ernährung aus einzelnen Bestand­teilen, teils tee­löffel­weise Eipulver, Milch­pulver, Kaffee­pulver, Zucker, rohe Erbsen oder Bohnen der US-Verpflegung, aber wir konnten sie nicht zube­reiten, nicht kochen. Endlich wurden aufge­schnittene Benzin-Fässer ange­liefert und auf einen Ziegel­stein-Sockel gestellt, so daß wir einen Koch­kessel erhielten, zu dessen Betrieb sich je „Hundert­schaft“ von 200 Mann auch ein Koch fand. Ein in Längs­richtung zur Wanne geschnit­tenes Faß diente dann zum Abwaschen der Eßgefäße und Bestecke. Das nötige Wasser enthielt auch einen Des­infektions­mittel-Zusatz.

Wer kein Zelt hatte, lag aber nicht immer lange unter offenem Himmel. Mit Hilfe von Konserven­dosen, die von der Verpflegung her­rührten, begannen viele sich in den Boden hineinzugraben und sich eine Grube auszuheben, die durch stehen­gelassenen Boden zu einer Höhle wurde, so daß die Schlaf­statt über­dacht war. So manche Mai- und Juninacht war kalt und auch zuweilen sehr naß. Tagsüber konnte die Sonne sehr heftig brennen. Die leeren Konserven­dosen dienten so manchem Bastler unter uns zum Herstellen der ver­schiedensten Dinge, so daß man schon sagte, daß die Deutschen sich auch Waffen daraus basteln könnten. Ich selbst machte mir auf diese Weise durch Abkratzen und Formen einen kleinen Stocknagel, wie man sie an den Spazier­stöcken seiner Wanderungen befestigt.

Wasser­leitungen mit einigen Hähnen waren gebaut worden, natürlich auch die „Donner­balken“ über großen Gruben. Aus hygienischen Gründen bekamen wir große Mengen von Seife, so reichlich, daß wir gelegent­lich am immer bewachten Zaun, an den die Zivil­bevöl­kerung manchmal heran­treten durfte, diese Seife gegen angebotene Lebens­mittel tauschen konnten. Es war nicht viel, aber es half etwas gegen den Hunger.

In den Nächten waren immer wieder einmal Kameraden in dem großen Lager gestorben, die dann am Morgen die Lager­straße entlang zum Tor getragen wurden.

Da wir in der Schule etwas Englisch gelernt hatten, meldeten wir Vier uns zum Dienst als Lager­polizei. Das mag nicht gut klingen, aber von ent­sprechenden polizei­lichen Ein­sätzen gab es nichts. Wir merkten nicht, daß wir in diesem Amt außer einigen Dolmetscher­diensten irgend­etwas zu tun hatten. Wir bekamen aber etwas an Nahrungs­zulagen.

Tag reihte sich an Tag. Wir unter­hielten uns über unsere Vergangen­heiten und spannten unsere Gespräche um das Thema, was wir nach der Ent­lassung beginnen könnten. Endlose Pläne, zumeist mit Arbeiten im länd­lichen Bereich, wie z. B. eine Hühner­farm zu beginnen. Ich glaube, keiner von uns ging in eine der erdachten Richtungen. Einer wurde schließlich Chemiker, einer Pfarrer, einer Rechts­anwalt und vom Vierten kann ich nichts weiter sagen. Wir wußten nicht, wie lange dieser Lager­aufent­halt für uns dauern würde. Vielleicht war es noch im Juni oder Anfang Juli, daß Angehörige ver­schiedener lebens­wichtiger Berufs­gruppen wie aus der Land­wirt­schaft oder dem Bergbau zur Ent­lassung auf­gerufen wurden. Natürlich waren wir alle zu Beginn der Lagerhaft persönlich auf­genommen und nach unseren Beziehungen zu einer Organisation der NSDAP befragt worden.

Mitte Juli übernahm Frank­reich sein Besatzungs­gebiet links des Rheins, also auch unser Lager. Nun bewachten uns Franzosen, die noch weniger an Essen für uns übrig hatten, als vorher schon die Amerikaner.

Einer von uns Vieren wurde meines Wissens schon etwas früher ent­lassen.

Ende Juli verlegten die Franzosen einen Teil ins Saargebiet, wo wir im Bergbau arbeiten sollten. Mit einer Gruppe von 100 Mann kam ich am 31. Juli auf die Grube Kohlwald bei Wiebels­kirchen/Saar. Zu dieser Zeit wog ich bei 183 cm Größe nur etwa 110.

Wir kamen in die Baracken, in denen vorher russische Kriegs­gefangene unter­gebracht gewesen waren. Meine Eltern in Berlin erhielten die Nachricht von meinem Über­leben des Krieges etwa gegen Ende August durch einen meiner drei Kameraden, der bereits zu der Zeit in die SBZ entlassen worden war.

Wir hatten wieder ein Bett, ein Dach über dem Kopf und auch genügend zu essen. Nach wenigen Tagen hatte ich mir den Magen an unreifen Äpfeln verdorben und wurde innen­dienst­krank. Dann begann die Zeit mit 8-stündigen Arbeits­tagen, mal Früh-, mal Spät­schicht. Bis Ende Dezember war ich am Lese­band beschäftigt, um die Berge vor der Verladung der Stück­kohle in die Eisen­bahn­waggons aus­zulesen.

Noch im August hatte ich eine sehr schöne, freund­schaft­liche Ver­bindung zu einer Steiger­familie gefunden, die immer bestehen blieb. Der Steiger übernahm mich im Januar in seine Abteilung nach Unter­tage, wo es nun statt Schwer- die Schwerst­arbeiter-Zulage gab, die man als Schicht­brot mit der zusätz­lichen Butter­ration aus­gehändigt bekam.

Als ich nach etlichen Jahren zur Klärung meiner Ver­sicherungs­zeiten in der Knapp­schafts­ver­sicherung bei der Ver­waltung der Grube Kohlwald anfragte, erhielt ich eine Mit­teilung, die für den März 1946 von dem „ehemaligen Kriegs­gefangenen“ schrieb, obwohl ich mich erst am 6. Juni 1946 für immer von der Grube, aber nicht vom Saar­land ent­fernte. Vielleicht war das wegen der uns nicht mit­geteilten Ent­lassung nur eine Ausreise, die ich aber lange Zeit als Flucht ansah. Ich war über Remagen nach Hannover gereist, meine ältere Schwester war mit Reise-Dokumenten, die man bei einer Reise mit der Bahn und dem Wechsel aus einem Besetzungs­land in ein anderes vorweisen mußte, und in Hannover wurde ich ent­lassen und bekam dadurch auch Lebens­mittel­marken. Damals hatte ich sagen können, ich sei aus dem russischen Besatzungs­gebiet gekommen. Nun konnte ich die Schule nach weiteren andert­halb Jahren mit der Reife­prüfung beenden und nach einem „Bau­semester“ an der Friedrich-Wilhelms-Univer­sität in Bonn mein Studium beginnen. Dieses war das letzte Bau­semester in Bonn, um anschließend einen Arbeits­platz im Chemie-Studium zu bekommen.

Vielleicht ist dieses ein Bericht aus einer ameri­kanischen und franzö­sischen Gefangen­schaft aus einem der uner­meßlich großen Lager, über die zwar unter den Begriffen „Sinzig“, „Remagen“ oder „Darmstadt“ oder auch anderen gesprochen wird, von denen aber gewiß nicht viele Berichte vor­liegen. Die Zeit des persön­lichen Erinnerns neigt sich immer mehr dem Ende zu. Original-Erleben ist eines Tages nicht mehr abzu­fragen.

Dieser Bericht soll kein Jammern sondern nur Dar­stellung ent­halten, denn weitaus Schlimmeres, was oft und zahllos erlitten werden mußte, war mir erspart geblieben. Im Juni 1945 war ich 18 Jahre alt geworden.

Volkher Biese


Die Weise zum wahren Leben

Es ist so einfach,
wenn Du noch jung,
wenn Du zum wahren Leben
suchend vorwärts gehst!
Es ist so einfach,
erst einmal die Wahrheit
in allem Denken
wie auch Sprechen
Dir zum Ziel zu setzen.
Es ist so leicht, das Gute zu erstreben,
und es sich nicht durch falsches Reden
zur Schwierigkeit verderben lassen:
Die „eine gute Tat je Tag“
macht Dir zum Berge,
der mit gutem Tun und Handeln
leicht hinwegzuräumen ist.
Wer Dich das Gute nur
als schwer erreichbar lehren will,
vermindert frevelnd Deinen guten Willen
und könnte gar ihm Kraft und Richtung brechen,
ihn bös zu schlechten Zielen lenken.
Über allem steht das Schöne,
das Aug' und Ohr Dir füllen kann,
und wach gewünscht, Dir und den Menschen
Freude in die Seele bringt.
Liegt es nicht wirklich nah,
was Deine Seele Dir und anderen
bei freiem Willen schöpfen kann?
Und zweckfrei gehst Du so den Weg,
erfüllt vom Göttlichen,
zum wahren Leben.

(11. 7. 2011) V. Biese


UDH Nr. 99

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