BGD - Bund für Gesamtdeutschland

Unsere Deutsche Heimat

Ausgabe 102  ¦  Januar – April 2013


Die Geschichte hat ein langes Gedächtnis

Ein Vergessen durch biologische Lösung wird es nicht geben

Von Pastor Dr. Christian-Erdmann Schott

Liebe Landsleute!
In der Regel werden die Erin­nerungen an Flucht und Ver­treibung bei den Opfern mehr gepflegt, als bei denen, die auf der anderen Seite stehen und standen.

So ist das auch jetzt wieder in Deutsch­land. Wir Ver­triebenen haben ein deutlich höheres Interesse an diesem Thema als die Nicht­vertrie­benen. Die Frage, warum das so ist, läßt sich leicht beant­worten: Viel­fach haben die Ver­triebenen ein Trauma davon­getragen, das sie zeit­lebens belastet. Es ver­bindet sie unter­einander und führt dazu, daß sich auch fremde Menschen als Schicksals­gemein­schaft erkennen und verstehen. Hier ist der gesamte deutsche Osten u.a. Schlesien, Ost­preußen, Pommern, West­preußen, Weichsel-Warthe und Ost­branden­burg gemeint.

Das Trauma selbst besteht aus mehreren Teilen.

Da ist zum einen das verletzte Heimat­bewußt­sein: Also das Gefühl, von den Wurzeln der Familie und des eigenen Ichs weg­getrieben zu sein.

Dazu gehört das verletzte Rechts­bewußt­sein, also das Gefühl, ein Unrecht erlitten zu haben.

Da ist die Erin­nerung an die erlittenen mate­riellen Verluste an Eigentum und Werte, die über Gene­rationen hinweg auf­gebaut worden sind.

Und da ist zum anderen das Trost­bedürfnis: Also das Bedürfnis, für das Erlittene von anderen, von der Umgebung (Gesell­schaft, Kirche) ver­standen, getröstet und geliebt zu werden.

Diese Wesenszüge der Trauma­tisierung sind aus der kirch­lichen und nicht­kirch­lichen Ver­triebenen­arbeit bekannt. Sie werden auch nicht auf­gehoben, wenn die Ver­brechen mit dem Nationalsozialismus oder dem Kriegs­beginn begründet werden. Dieses belastet uns Ver­triebene als persön­liches Leid. Wir werden ver­glichen und können nichts dafür.

Haben die Vertreibung und diese schreck­lichen Ereig­nisse danach auch in unserer Nation trauma­tische Spuren hinter­lassen?

Wir sollten die Nach­wirkungen, welche die Ver­treibungen auch bei den Ver­treibenden hervor­gerufen haben, in den Blick nehmen und uns dabei von der Erwartung auf ein baldiges Ende der Erin­nerungen daran durch das Aus­sterben der Erlebnis­generation der Ver­triebenen nicht bestimmen lassen. Die geschicht­liche Erfahrung lehrt, daß eine solche Erwartung nicht realistisch ist.

Wie lange Ver­treibungen in Erin­nerung bleiben können, sehen wir an den USA, wo die Ver­treibung der Indianer durch die Weißen nicht ver­gessen ist — oder die Ver­treibung der Huge­notten durch den franzö­sischen König Heinrich III. — oder der Armenier durch die Türken.

Diese und ähnliche Beispiele zeigen, daß es nicht wirk­lich­keits­nah ist, auf die bio­logische Erledigung des Themas zu setzen. Es bleibt die Not­wendigkeit, eine Lösung zu suchen, bei der auch die Ver­treibenden ihre Ruhe finden, ihren Frieden mit sich selbst.

Länder wie Lettland, Litauen, Ungarn und Rumänien haben mit uns und unserem Schicksal Frieden geschlossen. Jedoch von Polen und der Tsche­chischen Republik blieben diese Trost­erwartungen, der die Heimat­vertrie­benen harren, aus, was ihren Seelen­frieden gefährdet.

Quelle: „Schlesischer Gottes­freund”, 3/2011




Liebe Freunde und Leser

Gedanken eines seiner Aufgabe als Pastor nach auf Versöhnung einge­stellten Deutschen sind auch für vom Schicksal betroffene und nicht­betroffene nach­voll­ziehbar.

Daß Ver­treibungen in der Geschichte ver­merkt sind, ändert am erlit­tenen Schicksal der damals Betrof­fenen wenig. Hier und heute Tat­sachen nennen!

Hoffnung, auf Nach­wirkungen auch bei den Ver­treibenden, wird dem Erlit­tenen unserer Lands­leute in der Realität keine Abhilfe schaffen.

Wir, aus der Erlebnis­generation, die Augen­zeugen sind, mani­festieren den an unseren Lands­leuten begangenen Völkermord und unser erlit­tenes Schicksal. Das ist kein Jammern; es ist Forderung an die Ver­antwort­lichen!

Horst Zaborowski


UDH Nr. 102

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