BGD - Bund für Gesamtdeutschland

Unsere Deutsche Heimat

Ausgabe 102  ¦  Januar – April 2013


Lang, lang ist's her

Erzählungen oder Erlebnisse aus der frühersten Jugend können einen Menschen sehr lange im Leben begleiten. Manchmal sogar bis an sein Lebens­ende. Sie können auch sogar das Leben mit­gestalten bzw. die „Richtung” mit­bestimmen. Wenn man aber die Heimat einmal ver­lassen hat, nach einem Besuch nach vielen Jahren wird einiges wieder wach.

So sind auch nach meinem letzten Besuch vor wenigen Monaten, einige Erin­nerungen „aufge­frischt” worden. Vor allem wenn man an dem Eltern­haus vorbeigeht und noch hin und wieder einen Bekannten trifft, viele sind es nicht mehr, vor allem wenn es um die Personen geht, die mit den Erin­nerungen zusammen­spielen, diese kann man meistens aber nur noch auf dem heimat­lichen Friedhof besuchen.

Zu lang ist es schon, zu der Zeit zu der sich alles in einer Kleinstadt, die vor­wiegend ländlich war, abge­spielt hat. Vielleicht handelt es sich hier um nicht all­tägliche Begeben­heiten.

Einige Jahre zuvor wurde unsere ober­schlesische Heimat geteilt und wir Ange­hörige eines anderen Volkes wurden, anderer Sprache und anderer Kultur. Korrekt ist das mit der Teilung nicht gegangen. Unsere Kleinstadt war aber fast zu 100 % aus preußischen Bürger, die nun nach einem Gesetz oder Ver­ordnung plötzlich zu dem polnischen Volk geworden sind.

Durch diesen Umstand hat sich das Leben dann anders gestaltet als normal. Wir sind fremd in eigener Heimat geworden. Der Zusammen­hang war aber doch sehr beeinflußt.

Die Behörden­sprache war polnisch geworden, der Schul­unterricht und die Gottes­dienste ebenso. Doch der Zusammen­halt war irgend wie viel besser. Im Sommer hat man das nicht so gemerkt, da jeder seiner Beschäf­tigung nachging. Im Spät­herbst oder noch besser im Winter war anders. Man besuchte sich gegen­seitig, vor allem beim Feder­schleißen und man tauschte seine Erin­nerungen aus.

Es handelte sich vor­wiegend um unsere Groß­mütter oder um die Groß­väter, die in ihren jungen Jahren unter­schied­liche Erle­nisse hatten. Die Männer waren fast alle einmal Soldat, einige sogar auch im Kriege (Erster Welt­krieg), die Frauen waren in ihrer Jugend­zeit als Dienst­mädchen bei ver­schiedenen Herr­schaften, im „Alt­reich”, wie wir sagten. Sie erzählten von einem Land, das anders war als das, in dem wir zur Zeit wohnten. Die Menschen waren dort freund­lich, sie sprachen von der Sauber­keit, der freund­lichen Bedienung bei der Behörde und in den Geschäften, auch die Männer sprachen ähnlich. Einige bemerkten, daß es auch bei uns einmal besser war, nun herrschte seit einigen Jahren eine große Arbeits­losig­keit, die Unter­stützung war sehr mager, oft gab es keine Unter­stützung da man vorwiegend von der Land­wirt­schaft lebte.

Doch das Land, über das man sprach, war gar nicht so fern, wir waren nur durch eine Grenze getrennt. Wenn man aber solche Unter­haltung oft hört, vergleicht man sein Schicksal mit den Erzäh­lungen. Im stillen denkt man daran, daß man selber auch gerne in einem solchen Land leben möchte.

Zwischen Wunsch und Wirklich­keit ist ein weiter Weg, bis zur Wirk­lich­keit ist oft ein dorniger Weg. Ein Krieg kann alle Wünsche zunichte machen. So war es auch bei mir und einem großen Teil der Bevöl­kerung. Mit der Zeit wurde man auch älter und damit auch „zu den Waffen” gerufen und meine stillen Wünsche aus der Jugend­zeit sind andere Wege gegangen. Ich kehrte nach zwei­maliger Ver­wundung mit 19 Jahren, leider nicht mehr in die Heimat zurück. Das Land meiner „Träume” war zerstört. Ich bin zwar in dem Land meiner Jugend­träume geblieben und habe mich am Wieder­aufbau beteiligt. Der Anfang war für mich schwer, aber für Millionen anderer Menschen auch.

Wir haben uns auch an dem Aufbau der Demokratie beteiligt, in der Hoffnung, daß so ein Abschnitt der Geschichte sich nicht wiederholt, da in der Demokratie andere Maßstäbe für die Zukunft angelegt werden. Das hat bei uns einige Jahre ganz gut funktio­niert, leider ist es nicht möglich, nur die Wünsche eines Volkes zu erfüllen, auch nicht in einer Demokratie.

Die Weltgeschichte hat eigene Wege, die aber nicht immer den Wunsch einiger Völker erfüllen, schon lange nicht einen Wunsch­traum aus der Jugend­zeit. Die Technik ist mit Riesen­schritten „davon­gelaufen”, es werden nicht so viele Menschen gebraucht, um ver­schiedene Arbeiten aus­zuführen, der Kampf um das „tägliche Brot” ist härter und der Mensch ist ent­behr­licher geworden, er zählt weniger, was zählt, ist das Geld. Doch wir alle sind älter geworden, es werden neue Gene­rationen geboren, doch damit ändern sich auch die Sitten und Gebräuche. Die Menschen sind sich fremder geworden. Könnten wir aber, die damals jung waren und heute im fort­geschrit­tenem Alter sind, unseren Enkeln oder Urenkeln so erzählen wie das unsere Eltern oder Groß­eltern getan haben, von einem schönem Land erzählen? Würden sie uns über­haupt zuhören?

Bei uns aber sind diese Erzäh­lungen als Erin­nerung in uns haften geblieben, auch wenn sie nur Traum­wünsche geweckt haben. Besonders treten sie hervor, wenn man diese Stätten in der Heimat von Zeit zu Zeit, wenn auch nur für wenige Tage besucht. Besucht man dann aber noch den heimat­lichen Friedhof und geht langsam an den Gräbern vorbei und beachtet die Grab­inschriften, wird man an die Menschen, die uns einmal mit ihren „Geschichten” unter­halten haben, fest­stellen, daß die Zeit nicht stehen geblieben ist, daß dazwischen mindestens 70 Jahre ver­gangen sind. Fragen wir uns, was wir unseren Enkeln bzw. Urenkeln erzählen könnten, damit sie uns so zuhören würden, wie wir es getan haben.

Florian Mierzwa


UDH Nr. 102

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