BGD - Bund für Gesamtdeutschland

Unsere Deutsche Heimat

Ausgabe 103  ¦  Mai – August 2013


Vor achtunsechzig Jahren

Wir waren trunken von der Wirklich­keit, wieder in der Heimat zu sein. Die Tränen, vor denen ich solche Angst hatte, gab es nicht, nicht vor Ent­täuschung und auch nicht vor Freude. Sollte ich weinen, wenn die Vögel sangen und die Sonne hell am Himmel stand?

Vor 68 Jahren bin ich diesen Weg gegangen,
fast jeden Tag zur Schule und zurück, bin
auf dem Heimweg in den Bäumen rumgehangen
und manchmal fuhren wir ein kleines Stück


mit einem Nachbarn auf dem Leiterwagen,
wenn zufällig einer vorüber kam.
Wir waren froh, wenn er an heißen Tagen
uns müde Schüler mit nach Hause nahm.

Diese Bilder in mir wollen nicht ver­blassen. Der Kiesweg von der Schule zu unserem Haus war fest, und wenn im Herbst die Kasten­wagen rollten, hoch­beladen mit Kar­toffeln oder Rüben, dann fielen immer ein paar davon herunter und zollten der Straße ihren Tribut.

Und heute? Es gibt keinen Hinweis zu unserem Dorf, auch nicht in kyril­lischer Schrift. Wir mußten den Zugang zum Ort erst suchen, und der russische Taxi­fahrer ließ ent­schieden das Auto stehen und sagte: „Hier nur noch mit dem Panzer.”

Panzer — wie das an den Krieg erinnerte!

Vor fünfzig Jahren bin ich diesen Weg gefahren,
wenn ich auf hohem Erntewagen saß.
Ich war mit meinen gerade fünfzehn Jahren
plötzlich ein Mann, der sich mit Männern maß.


Der ältere Bruder war im Krieg gefallen,
und Vaters Grab kennt nur der liebe Gott.
Die Mutter war die Ärmste von uns allen;
In Dresden eine Tochter — Flammentod.

Dieser unselige Krieg! Wieviel Leid und Zer­störung! Wir sind dem Inferno gerade noch ent­kommen. Doch welches Elend den Zurück­gebliebenen! Sie wurden von Panzern über­rollt, wurden ver­gewaltigt und erschossen, sind auf der Flucht im Haff oder in der Ostsee ertrunken, sind verbrannt, erfroren, ver­hungert, an Typhus und Ent­kräftung gestorben und in die sibi­rischen Arbeits­lager ver­schleppt worden. Wir wissen von den soge­nannten Wolfs­kindern, die sich unter schwersten Ent­behrungen nach Litauen gerettet haben. Damals dachten wir, es war der letzte aller Kriege. Nie wieder würden Menschen das noch einmal dulden, hatte der Krieg doch die ganze Welt berührt. Schweren Herzens sind wir gegangen, und wir wußten nicht, ob wir je wieder­kommen würden.

Wir kamen wieder mit ergrauten Haaren
ins Land, das ich so jung verlassen hab'.
Wo — Vater, Bruder, ließ man euch verscharren?
Wo legen wir euch Blumen auf das Grab?

Und wo suche ich den Weg von der Ver­gangen­heit ins Heute? Über die ent­wurzelten Bäume mit ihren morschen bemoosten Ästen, die den Weg ver­sperren? Durch das hohe Steppen­gras? Den Trampel­pfad über die Wiese gibt es nicht mehr und auch keine Spuren von rollendem Gespann. Geht keines Menschen Fuß mehr in dieses Sagen­land? Schläft Dorn­röschen noch hinter der Schlehen­hecke zwischen Disteln und Brennes­seln, wo die wilden Hummeln auf gelben Blüten tanzen?

Wie einst, als ich vor Jahren fortgegangen,
färbt sich die Eberesche in der Sonne Glut.
Und zwischen hohem Gras und Büschen prangen
die willen Kirschen mir entgegen, rot und gut.


Doch oftmals mußte ich den Weg verlassen,
über die Wiese ihn umgeh'n so manches Stück.
Die müden Bäume hatten sich hier fallen lassen
und gaben modernd sich dem Land zurück.

Dieses weite Land! Diese goldenen Felder! Denkst du auch an die wogenden Korn­felder von damals? Geh, geh nur nahe heran, aber bedenke, du bist hier im Land der Sagen und Märchen: „Es war einmal - vor acht­und­sechzig Jahren.” Deine gelben Felder sind nur trockenes Steppen­gras. Mit beiden Händen bahnst du dir den Weg und suchst, suchst nach Mauern, nach Steinen. Wo ist das alles nur geblieben? Wo die Brunnen mit dem klaren Wasser?

Es gibt das Dorf nicht mehr und keine Gassen
und keine Gärten, keine Blumen mehr.
So hatten wir die Heimat nicht verlassen,
sie so wiederzusehen, das war schwer.


Es gibt das Dorf nicht mehr und dennoch bleibe
ich in Gedanken an den Häusern steh'n.
Ich kenne alle Namen und ich schreibe
an jede Tür, wer sie zuletzt geseh'n
.

Und die Pflaster­steine, die tief im Gras ver­wachsen und ver­sunken sind, heben sich heraus zur alten Dorf­straße. Wie schön ist dieses Land! Ich spüre den Duft der Natur, ich spüre ihre Macht.

Und viele, die dort hinfahren, geraten in ihren Bann und werden ver­zaubert, werden von einer Sehn­sucht befallen, die nicht mehr vergeht.

Sie bauen Brücken aus dem tiefsten Herzen
mit Pfeilern aus der Liebe zu dem Ort,
entzünden immer wieder Lebenskerzen
und lassen immer ein Stück Seele dort.

H. Gerlach, 2013,
Baustraße 25, 42853 Remscheid


Heimat

So lange schon lebe ich mit einem Traum.
Es ist jede Blume, es ist jeder Baum,
es ist jeder Stein, den ich hielt in der Hand,
jeder Schritt, den ich ging über blühendes Land,
jedes Ding, das ich mit meinen Blicken berührt,
jeder Weg, der mich in die Vergangenheit führt,
jeder Ort, wo ich fühlte der Jugendzeit Glück,
all dem schenkte ich von meiner Seele ein Stück.

Dort sind meine Wurzeln, dort riß man sie aus,
bin hier nicht und bin auch nicht dort ganz zuhaus.
Die Heimat ist stark, wenn die Zeit auch verrinnt.
Ihr Band hält uns fester, je ferner wir sind.

Herta Gerlach


Wiedersehen mit Tilsit

Fremd und grau ist sie geworden, die einstige „Perle des Ostens”.
Die Fassaden abgeblättert und das Mauerwerk verfallen.
Rostig die schmiedeeisernen Balkonbrüßtungen und die Fensterscheiben trübe.
An holprigen Gehwegen sitzen Marktfrauen und bieten schöne Rosen feil.
Sie leuchten hier gleich einem grellrot geschminkten Mund in einem alten faltigen Gesicht.
Vor mir die Luisenbrücke über die Memel.

Herta Gerlach, 1997

Buschwindröschen, zartes,
lugst aus deinem Blätterkleid,
blühst schon in der Au,
blühst dich wieder in mein Herz,
Buschwindröschen, zartes.

Herta Gerlach

Gefühle vorher nie gekannt

Es zieht ein unsichtbares Band
uns hin zu unserer Väter Land.
Unter dem alten Laub der Bäume
schlummern die jugendlichen Träume,
verlassen vor des Krieges Morden.
Wir sind woanders alt geworden.
Fremde haben hier, neu gebaut.
Und doch, ist alles so vertraut,
ist alles noch so wohlbekannt
beim Wiedersehen — Heimatland.

Störche auf Telegrafenstangen,
in feuchten Wiesen Frösche fangen,
in kahlen Bäumen, Kirchturraspitzen,
brütend auf ihren Nestern sitzen.
Die alten Dächer sind nicht mehr,
der alten Dörfer Stätten leer,
nur öde Steppe weit und breit,
Ahnung von einer Ewigkeit.
Gefühle vorher nie gekannt,
beim Wiedersehen — Heimatland,

Ginstergold leuchtet durch das Laub,
Mücken tanzen im Straßenstaub.
Birken und blauer Glocken Kelch,
am Waldesrand such' ich den Elch.
Da wechselt Sehnen mit Genießen,
und selbst, die alten Wasser fließen
gemächlicher als damals hier
und murmeln Wehmutslieder mir,
wecken Gefühle, nie gekannt,
beim Wiedersehen — Heimatland.

Die Heimat haben wir verloren,
neue Menschen sind nun dort geboren,
sind unserer Heimat neue Erben.
Laßt uns, bevor wir Alten sterben,
nur kurz noch einmal hier verweilen,
laßt uns mit euch die Heimat teilen,
laßt uns in unseren alten Tagen
nicht so schwer an Gefühlen tragen,
Gefühlen, vorher nie gekannt,
beim Abschiednehmen — Heimatland.

Herta Gerlach, Mai 1993


UDH Nr. 103

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