BGD - Bund für Gesamtdeutschland

Unsere Deutsche Heimat

Ausgabe 103  ¦  Mai – August 2013


Vom Gedenken an die Toten

Leserbrief vom 8. Mai 2013

An den Fränkischen Anzeiger in Rothenburg o. T.

Vom Gedenken an die Toten

Seitdem ich in Rothenburg bin, besuche ich regel­mäßig unseren Friedhof, er lädt zum Besinnen ein. Von Jahr zu Jahr verblassen die kleinen Täfelchen mehr und mehr, die an die Zerstörung unserer Stadt an Ostern 1945 erinnern.

Ich denke, daß es eigentlich das pietätische Empfinden wünscht, daß die Gedenk­platten einmal mit dem Schwing­schleifer geglättet werden sollten, daß man die ver­gessenen (?) Namen wieder besser lesen kann.

Auch die Namen der in den Kriegen Gefallenen auf den Stein­tafeln sollten nach­gezogen werden z. B. mit Goldbronze. Ist das noch keinem Rothen­burger aufgefallen, daß hier einem würdigen Gedenken nach­geholfen werden müßte, denn ich finde es traurig, wenn das, was einst so brutal über unsere Mit­menschen kam, einfach im Orkus verschwindet.

Wenn unsere Toten vergessen werden — sterben sie ein zweites Mal.

Gedenkstätte für die Kriegs- und Bombenopfer, Ostern 1945, vernach­lässigt in Rothenburg.

Abschied

Je älter und klüger man wird, um so mehr ist zu bedauern, daß die Jahre, die man noch hat, immer weniger werden. Und leider verbringen die meisten ihre ferneren Tage „wie ein Geschwätz und werden nicht klüger”. Gleich­wohl ist jeder mit dem end­gültigen Abschied konfrontiert. Die Philosophie über die Ver­gänglichkeit des Seins will sich nicht mit den Schmerzen vereinen über die Ver­gänglich­keit. Das ginge auch gar nicht, denn ohne die Drohung mit der Ver­gänglich­keit würde dem Leben der wichtigste Mecha­nismus genommen, nämlich täglich Obacht zu geben und auf­zupassen, daß kein Unheil geschieht, und sei es nur im Straßen­verkehr. Und doch muß man, jeder für sich, am Bewußt­sein arbeiten, daß alles ver­gänglich ist.

Man muß nachdenken!

Unzählige Generationen vor einem selber lebten und starben mit dem Abschieds­schmerz. Man muß sich das intensiv vorstellen, um zu erkennen einerseits, daß kein Indi­viduum davon verschont ist, und anderer­seits, daß alles wieder­kommt — in irgend­welchen Formen. So wie eines jeden Menschen Leben aus Abschnit­ten besteht, die in der Regel unter­einander so verschieden sind, als sei man jeweils ein völlig anderer Mensch, (was ja eigent­lich auch zutrifft!). Wohl dem Mit­menschen, der durch finan­zielles Vermögen seine indi­viduelle Zeit in die Zukunft retten kann. An der Gestaltung der Zukunft hat eigent­lich ein jeder Anteil, auch der geringste von uns, und auch wenn wir Nach­kommen es nicht definieren können. Betrüblich ist nur, wenn Geistiges, wenn Schrift­tum verloren geht. So müssen wir sorg­fältig an der Zukunft bauen, sorg­fältig die Steine zusammen­tragen zu dem Haus der Zukunft.

Aber auch dann wird die Zeit alles einmal zudecken, hier in unserer Milch­straße spätestens in Milliarden von Jahren, Wenn die Sonne aus­gebrannt sein wird. Woher kommen wir? Woher hat das Weltall die „viele Materie zu seinem Bau”? Was ist „Materie”? Auch elektro­magnetische Schwingung ist „Materie”. Der Begriff kommt folge­richtig von mate-Mutter. „Materielle” Funktion ist alles. Das macht, daß jeder von uns im milliarden­licht­jahr­weiten Kosmos irgendwo „wieder­geboren” werden kann als dieser und jener, wo die Punktion seines So seins sich „wieder” ergibt. Die über­geordnete Erkenntnis mag der Trost sein für uns einzelne, daß keiner den Zusammen­halt verliere in der Nacht, in die wir hinein­gestoßen sind.


Der Alte

Eine wahre Geschichte, wie sie nur das Leben schreibt. In Memoriam Florian Geyer sr.

Er bastelte mit unend­licher Geduld in seiner kleinen Werk­statt an seiner Zeit­maschine. Wie üblich, ver­standen ihn seine Nachbarn und Verwand­ten nicht. Aber er wußte genau, was er tat. Mit dieser Zeit­maschine kann man natürlich nur in die Zukunft reisen, in die Ver­gangen­heit natürlich nicht. Man kann grund­sätzlich Zeit niemals zurück­drehen. Alles, was geschieht, geschieht vorwärts. Selbst wenn man mit dem Zug verreist und eine Rück­fahrkarte löst, ist die Rückfahrt per se eine „Vorwärts­fahrt”.

Er war jetzt auch schon an die 70 Jahre alt. Ja, wie es so geht im Leben; man ist mitten im Drang — und plötz­lich ist man uralt und so vieles ist nicht getan. Seine Söhne gaben ihm manches­mal ein paar Scheine, denn großen Erfolg hatte er mit seiner Zeit­maschine keinen. Das heißt, er hatte über­haupt keinen Erfolg, denn das Gerät war noch gar nicht fertig. Aber der alte Mann wußte genau, was er tat. Er sagte: „Es gibt in unserem Dorf wenigsten einen Menschen, der weiß, was ich kann.”

Wer das sei, fragte der Sohn A: „Wer ist das?”

„Nun”, erwiderte der alte Mann, der Vater: „Das bin ich natürlich.”

„Ach so!”

Das Unglück war, daß die drei Söhne sich gar nicht für diese große Erfindung ihres Vaters interes­sierten. Sie hörten natür­lich, wie es sich gehörte, zu, wenn er, der Vater, schwärmte.

Aber ihre Antwort wer stets Schweigen gewesen.

Der Vater war, mithin durch seine Erfindung, der Arbeit an ihr, der Zeit­maschine, nicht in gesegneten Verhält­nissen. Um es kurz zu sagen: es ging ihm finanz­mäßig miserabel.

Die Söhne kümmerten sich um ihn und gaben ihm stets gute Ratschlage, zum Beispiel, daß er sich ans Amt wende um Ideen für eine „Um­schuldung” zu bekommen. Oder sie spendeten einen Essens­gutschein.

„Ich brauche keine Beratung. Ich weiß selber, was ich habe und nicht habe.”

„Schau Vater, wir meinen es ja gut”, sagte der Sohn B., und die beiden anderen pflich­teten ihm bei.

„Was brauchst du denn diese Werk­statt! Das kostet doch alles Geld. Die 40 Mark im Monat kannst Du Dir doch ersparen. Lebe doch, mach dir noch einen schönen Lebens­abend.”

„Ich bin doch”, sagte der alte Vater, „bald fertig. Was tue ich mit einem Lebens­abend. Das ist meine Welt, meine Arbeit.”

Daß sie, die drei Söhne, aus Gnad´ und Barm­herzigkeit ja ohne weiteres ihn unter­stützen könnten, das sagte er nicht.

Zwei Söhne unter­hielten Reit­pferde, zum „Angeben” natür­lich. Die, meinte der Vater, sagte es aber nicht laut, sind im Unter­halt doch viel, viel teurer als dem alten Vater, damit er seine Erfindung ver­voll­kommnen könne, monatlich einige Märkel­chen zu spendieren.

„Vater”, so der andere Sohn, B., „schau, du könntest dir, wenn du nur wolltest, ein ver­gnüg­liches Leben noch machen. Wer weiß, wie lange du noch lebst, — ich will nicht grausam sein, aber ewig lebt keiner von uns.”

„Wahr ist es”, sagte der Vater.

„Wir haben dabei an folgendes gedacht, praktisch ein Schelmen­stück —”

„Ach?”

— ein Schelmen­stück, wie du dem Staat noch eines aus­wischen könntest.”

„Dem Staat”, fragte erstaunt der alte Mann.

„Sozusagen. Wir müssen doch realistisch denken.” „Ach?”

„Paß mal auf, Vater, was wir uns aus­gedacht haben und wie du ganz schnell zum Fortgang und schließ­lich fröhlichen Abschluß deiner Eismaschine —”

„Zeitmaschine!!”

„— ja, kommen könntest!”

So, wie denn”, antwortete der Vater.

„Jetzt erschrick nicht, das ist ein ganz ver­nünftiger Plan!”

„Was habt ihr denn da ausgeheckt?”

„Ausgeheckt würden wir es nicht nennen. Aber schau, es gibt so viele Menschen, denen geholfen werden könnte.” „Denen geholfen werden müßte.” „Genau!”

„Aber die Politiker sind Schweine, machen nur Waffen­geschäfte.”

„Eben! Drum müssen wir zusammen­halten, uns wehren und unser Scherf­lein dazu bei­tragen, damit die Welt besser wird!”

Und der Sohn C fuhr fort:

„Du hast doch gestern im Fern­sehen gesehen, wie es den armen Kindern in Afghanistan geht!”

„Scheißamis!”

„Was hältst du davon, wenn jeder von uns eine Spende macht, den armen Kindern zu helfen?!”

„Ja ja, die armen Leute sollen spenden. Ich habe kein Geld.”

„Geld braucht es doch nicht.”

„Ach? Aber ihr habt doch Geld.”

Sohn B: „So viel auch nicht!”

Sohn A: „Schau Vater, warum soll man seinen Körper den Würmern über­lassen? Wir drei haben in unserem Personal­ausweis stehen, daß wir im Todes­falle unsere Organe spenden.”

„Mache ich auch!”

„Nur mit dem Unter­schied, daß wir drei noch einiges im Leben tun müssen und die Spende erst nach unserem Tode erfolgen kann.”

„Das ist vernünftig!”

„Aber du, lieber Vater, kannst noch ein riesen­großes Geschäft mit Organ­spende machen, ohne daß du zu schaden kommst.”

„Ach so, soll ich mich bei Leb­zeiten aus­schlachten lassen?” — und der Alte lachte.

„So sarkastisch wollen wir es nicht sehen!”

„So!”

„Aber schau, lieber Vater, es gibt Leute, die ve­rkaufen z. B. eine Niere, sie haben ja zwei —”

„Und wer eine hat, gebe dem, der keine hat.”

„Ist das nicht im christ­lichen Sinne, und nur so wollen wir es verstehen, etwas wahres dran?”

„Ihr meint also, ich sollte eine Niere verkaufen?”

„Es gibt reiche Leute —”

„Ach, reiche Leute?”

„— die würden ein Vermögen für ein Spendeorgan bezahlen.”

„Immer nur die reichen Leute.”

„Vater, denk doch auch mal an dich! Denke doch dran, daß du deine Eis­maschine —”

„Zeit­maschine!”

„— ja, fertig entwickeln könntest.”

„Ach ja, das wäre eine verdammt gute Idee!”

Alle drei Söhne: „Siehst du, das ist doch der springende Punkt!”

„Ich bin schon ziemlich weit gekommen, ich zeige sie euch!”

„Ei, jetzt nicht, Vater, später mal!”

Vater: „Hm!”

„Das hat doch einen christ­lichen Sinn, daß die Organe des Menschen zwiefach angelegt sind.”

„Ja ja, der Herr Jesus hat an alles gedacht, uff!” Schweigen!

Sohn B: „Ich würde an deiner Stelle gleich in die vollen steigen.”

Sohn A: „Warum nicht, Vater.-”

C: „Und wenn du noch — ich drücke mich mal rein sachlich aus, ein Auge für die not­leidenden Armen in Afghanistan — natürlich für sehr teures Geld! —” „Natürlich, teures Geld!”

„- her­geben würdest, ist allen geholfen und du könntest auf­atmen und endlich deine geniale Erfindung voll­enden.”

„Wollt ihr sie nicht sehen? Ich bin schon ganz weit voran­gekommen.”

Schweigen der Söhne.

A: „Also, Vater, was hältst du davon?”

„Eine prächtige Idee. Was würde im End­effekt dabei heraus­springen?”

Alle drei: Das ist viel­leicht die tollste Idee, die wir hatten!”

„Die ihr hattet!”

„Gleich morgen werde ich mich drum kümmern.” „Im Ausland —”

„Afghanistan?”

„— ich denke viel weiter!- könnten wir vielleicht 100.000 Mark raus­schlagen!”

„Uff!”

„Und wenn — du hast ja eine blendende Gesund­heit! — du noch einen Lungen­flügel —”„Au backe, du bist ein gemachter Mann, Vater.”

„Ja, wenn ich mit solch prächtigen Söhnen gesegnet bin?”

Die prächtigen Söhne leiteten alles in die Wege. Der Qperations­termin wurde ver­einbart. Die Söhne mit Frauen wollten den Alten zum Kranken­haus begleiten und nach der Genesung war ein Fest­essen geplant. Das ging natür­lich von den 100.000 Mark ab, denn der Vater wollte sich nicht lumpen lassen. Am Operations­tag jedoch standen die Familien alleine an der Pforte und freuten sich über den schon gelungen Coup. Wer nicht kam, war der Vater. Sang — und klang­los war er mitsamt seiner Werkstatt ver­schwunden. Er hatte noch arrangiert, daß die Söhne ihm den Vorschuß gaben für den Umzug. In diesen Landen ward er nicht wieder gesehen! Das gewahrten die Söhne aber erst, als sie von ihrem gemein­samen Mallorca-Urlaub zurück waren.

Schäfer


UDH Nr. 103

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