Marsch von Dresden nach dem Gefangenenlager Nardt bei Hoyerswerda. September 1945 Entlassung als Jugendlicher. Rückkehr in die Heimat nach Läskau bei Köben. Zwangsarbeit bei verschiedenen russischen Kommandos ohne Bezahlung oder Deputat — ohne Nahrung. Da alles geplündert war, lebten wir nur von Getreide, das noch in den Scheunen war. Diese Zwangsarbeit dauerte bis zur Ausweisung am 22.10.1946. Die Frau, deren Gehöft abgebrannt war und die mit ihren vier Kindern in unserem Hause wohnte, hatte am Tage der Ausweisung den Polen verraten, daß ich einige Sachen vergraben hatte, da ständig geplündert wurde. Unter anderem eine Tafel Bienenwachs von unseren Bienen. Wir mußten zu Fuß ca. 40 km von Nährschütz bis Wohlau laufen und durften nur das mitnehmen, was wir tragen konnten; aber auch für 10 Tage Verpflegung.
In Wohlau angekommen, wurden alle Deutschen von den Polen durchsucht, und was ihnen gefiel, nahmen sie uns ab. Kurz darauf wurde ich verhaftet und bei der BU (polnische Geheimpolizei) in den Keller gesperrt. Nach ein paar Tagen holten sie mich herauf und legten mir die vergrabene Bienenwachsplatte vor mit der Behauptung, daß es sich um Sprengstoff handle. Nach Tagen tauschten sie diese Platte gegen eine Tellermine aus. Da ich mich dagegen stellte, daß diese mir gehörte, wurde ich wochenlang auf das Grausamste, immer bis zur Bewußtlosigkeit, gefoltert.
Als ich ein polnisches Schreiben unterzeichnen sollte, weigerte ich mich, da ich es nicht lesen konnte. Sie brachten einen angeblichen Dolmetscher, der mir übersetzte, daß ich entlassen werde und ich nichts über das Erlebte in dieser Zeit des Verhörs erzählen dürfte. Nach mehrmaligem Zaudern überzeugte er mich, daß ich dann frei komme und nach dem Westen abgeschoben werde. Ich unterschrieb. Ich hatte unterschrieben, daß es meine Mine war.
Am 2.12.1946 bekam ich von dem Breslauer polnischen Militärgericht, ohne
Verteidiger, der Sprache nicht mächtig, die Todesstrafe durch
Erschießung. In der Todeszelle, die eine weitere
Folterzeit bedeutete, konnte ich einen Wachmann überreden,
der mir einen gefangenen Polen (Rechtsanwalt) besorgte, welcher
mir ein Gnadengesuch an den damaligen Präsidenten Bierut schrieb.
Zu Ostern 1947 kam ich aus der Todeszelle zu anderen Gefangenen,
ohne mir zu sagen, daß ich begnadigt war. Im gleichen Jahr
verlegten sie mich nach Nowogard (Naugard, Pommern) in das dortige
polnische Zuchthaus. 13 Gefangene auf 6,1m². Freiwillig meldete
ich mich zur Arbeit, da dies die einzige Überlebenschance war.
Bis 1953 arbeitete ich als Gefangener am Bau. Wir bekamen keinerlei
Bezahlung. Nicht einmal eine Briefmarke oder Schreibpapier konnten
wir uns kaufen, um den Angehörigen zu schreiben. Gefangene
Polen schenkten uns dieses und schrieben uns ab 1950 Briefe in polnisch.
Wir bekamen nichts zu lesen, durften nicht deutsch sprechen
und durften auch erst seit 1950 vier Mal im Jahr eine DIN A 5 Seite
in großer Schrift in polnisch schreiben lassen und ebensoviel
polnisch geschriebene Post erhalten, die uns vorgelesen und dann
konfisziert wurde. Das Essen bestand zunächst aus 200 g nassem
Brot, später 400 g, ½ l schwarzem Wasser aus gebrannten
Rübenschnitzeln, Mittag und Abend ½ l Wassersuppe. Wer
arbeitete, bekam ¾ l. Viele starben an Unterernährung
und Hungerkrankheiten.
1953 konnte ich einigermaßen polnisch
sprechen. Die erste Kommission, die im Gefängnis aufkreuzte,
benutzte ich, um auf das Unrecht aufmerksam zu machen. Auch sagte
ich, daß ich weder mein Urteil noch meine Strafzeit kenne.
Im Sommer 1953 wurden die letzten zwei Jahre „Zuchthaus in Zwangsarbeit
mit Bewährung” umgewandelt, und ich kam nach Ossowo (Wussow
bei Naugard) auf Kolchosen. Dort mußte ich bis zum 2. Februar
1956 arbeiten. Wir wurden verpflegt und bekamen einen kleinen Lohn,
mit dem wir uns selbst die Kleidung kaufen mußten.
Am
6. Februar 1956 traf ich im Lager Friedland ein. Mit diesem
Tag endete mein Sklavendasein.
Im Westen bekam ich eine Entschädigung
von 7.200 DM, welche ich zunächst für Kleidung und zur
Erlangung eines Schulabschlusses verbrauchte. Für die Ausbildung
zum Elektrotechniker bekam ich zwei Jahre eine monatliche Zuwendung
von 275 DM, von der ich alles bestreiten musste. Unterkunft in Würzburg
und Nürnberg, Verpflegung, Bekleidung und Ausbildungsmaterial.
1959 beendete ich diese Ausbildung und konnte meine erste feste
Arbeitsstelle beginnen.
Die Ausfalljahre von 1944 bis 1959 wurden
mir bei der Rente als Hilfsarbeiterjahre, also dem niedrigsten Satz,
angerechnet. Seit 1961 bin ich Rentner.
Von meiner verlorenen Jugend mit den unglaublichen Erlebnissen von 1944 bis 1956, die mir bleibende psychische Schäden verursachten, will niemand etwas wissen und wurden seitens der Behörden auch nicht anerkannt. Ein Arzt sagte mir einmal: „Sie haben die falsche Nationalität!”
Über die Ungerechtigkeit der Siegermächte und die Unzulänglichkeit und Zaghaftigkeit unserer Regierungen bin ich erschüttert. Weder Italien noch Japan, die ja mit Deutschland gleichgestellt waren, haben sich so berauben und in die Schuld manövrieren lassen wie der deutsche Michel. Ihm ließen sie nur noch die Zipfelmütze, die sie nicht mochten und ihm über den Kopf zogen bis zu den Füßen.
Liebe Freunde,
dieser Bericht wurde von mir in unsere Zeitung aufgenommen anstelle einer bildlichen Darstellung über die Flucht und Vertreibung. Jeder, der diesem Völkermord entgangen ist, hat seine erlittenen Leiden jederzeit vor Augen. Um über alle Leiden, über alle von den Vertreibern begangenen Verbrechen berichten zu können, reichen alle Publikationen, Zeitungen usw. nicht aus. Ein jeder von uns kann an diesem geschilderten Schicksal sein Schicksal messen. Und er kann dankbar sein, wenn er nicht
zu den vielen gehört, die das geschilderte Leid oder gar noch schwereres erleiden mußten. Wir alle jedoch sollten nicht diejenigen vergessen, deren Entscheidungen diese Leiden in Gang setzten. Auf Seite 23 ← wurde von Dr. Georg Jaeckel aufgelistet, warum und von welchen völkerrechtlichen Vereinbarungen her solche Leiden hätten nicht verursacht
werden dürfen.
Diese Konventionen usw. können nur wirksam werden, wenn sie von den Menschen beachtet werden. Zu allen Zeiten waren humanitäre Vereinbarungen, so diese den Mächtigen im Wege standen, nicht das Papier wert, auf dem sie geschrieben worden sind. Dies kann und muß sich ändern — indem wir alle Möglichkeiten der Kommunikation nutzen, diese Verbrecher an den Pranger zu stellen. Dazu ist Solidarität aller Gedemütigten eine Verpflichtung unseren Ermordeten gegenüber. Wenn nicht wir, wer sonst hat das moralische Recht, Rechenschaft zu fordern.
Horst Zaborowski
Am anderen Morgen wurden wir durch zwei Schüsse
geweckt. Alle mußten im Hof antreten, dann wurde durchgezählt.
Der Offizier stand vor uns und klatschte sich mit der Reitpeitsche
an den Stiefelschaft, scheinbar, um sich Geltung zu verschaffen.
Anschließend ging es auf das Feld. Eine Erntemaschiene, von
einem Russen gefahren, fuhr hin und her. Wir mußten das Getreide
raffen, binden und zu Puppen stellen. Zu Mittag wurde die
Hitze unerträglich, Durst quälte uns. Im Schatten der
Bäume saßen uniformierte Russinnen, die uns bewachten,
immer riefen sie dawai, dawai, schnell, schnell. Einigen fiel es
sehr schwer, so zügig mitzuhalten. Mir ging es gut von der
Hand, da ich sehr sportlich war. Trotz großen Hungers hatte
ich noch viel Kraft. Mittag gab es Graupen, sehr dünn gekocht,
unser Kochgeschirr wurde nur halb gefüllt. Ermüdet saßen
wir im Schatten der Bäume, die vereinzelt am Rande des Feldweges
standen. Hungrig wurden die Graupen verschlungen. Bis es anfing,
dunkel zu werden, blieben wir auf dem Feld. Auf dem Bauernhof
angekommen, gab es dann wieder 200 gr. Brot und einen Löffel
Zucker. Ein kurzer Schlaf, im Morgengrauen wieder zwei Schüsse,
antreten, durchzählen. Ein junges Mädchen weinte, sie
hatte Schmerzen im Leib. Bei uns befand sich ein deutscher Arzt,
der genau so elend dran war, wie wir und ebenso bewacht wurde. Er
schrieb dem Mädchen eine Bescheinigung aus für das Hospital
in Breslau. Sie zeigte die Bescheinigung dem Offizier, dieser brüllte
sie auf russisch an, sie mußte bleiben.
Mit nüchternem
Magen ging es wieder auf das Feld. Am Abend faßten wir unsere
Rationen und wollten uns schlafenlegen. Aber es kam anders, wir
mußten wieder antreten. Die halbe Nacht marschierten wir weiter
zu einem anderen Ort. Die Bewacher an unserer Seite. Aber trotz
allem merkte ich, wie im Dunkel der Nacht ein paar von uns sich
in den Straßengraben abrollen ließen, unbemerkt von
den Russen. Ich war nahe daran, das Gleiche zu tun, aber mir war
das zu riskant. Es mußte einen besseren Ausweg geben, von
hier wegzukommen. Wieder wurde auf einem Bauernhof haltgemacht.
Stroh auffüllen, schlafenlegen, wecken, auf das Feld. So ging
das fünf Tage, immer weiter entfernten wir uns von Breslau.
Was wir nicht bemerkten, sie führten uns wohl im Kreis auf
immer neue Felder. Am 5. Tag, abends, erfuhren wir, heute bleiben
wir hier. Jetzt war meine Stunde gekommen.
Wie wir
erfuhren, wohnte eine Familie, die auch Leuthenstraße 64 gewohnt
hatte, jetzt in Bischofswalde, ein Außenbezirk von Breslau.
Meine Mutter, Marianne und ich machten uns auf, um zu erfahren,
was aus unseren Sachen, die wir im Keller untergebracht hatten,
geworden war. Nach einer freudigen Begrüßung erfuhren
wir von der Familie, da sie in der Festung geblieben war, daß
sie soweit wie möglich unsere Sachen, ehe sie unseren Stadtteil
verlassen mußte, mitgenommen hatte. Aber Polen kamen dann
und plünderten alles, auch sie besaß nichts mehr. Wir
waren schon so gedemütigt und ausgeraubt, daß uns alles
gar nicht mehr berührte.
Eines Tages hörte
ich, die Russen suchen Arbeitskräfte zur Einbringung der Ernte,
bei derselben Verpflegung wie bei der „Roten Armee”. Ich meldete
mich mit dem Gedanken, daß ich für mein Kind und meine
Eltern nach getaner Arbeit etwas zu Essen mitbringen könnte.
Mein Vater redete mir ab, er sagte, „Bleibe hier, wer weiß,
ob das alles stimmt”: Aber ich blieb bei meinem Entschluß.
Mit Lastautos wollte man uns aufs Feld fahren. Einen Topf oder Kochgeschirr
und einen Löffel sollten wir mitbringen. Am nächsten Morgen,
frühzeitig, trafen sich alle, die sich entschlossen hatten
mitzumachen, auf dem Stellplatz. Die erste Pleite war, kein Auto
war zu sehen. Wir standen ewig mit hungrigem Magen herum, Russen
bewachten uns, damit keiner fortlief. Wir mußten uns dann
in Reihe und Glied aufstellen, zu Fuß ging es dann los. Wir
kamen uns vor wie Gefangene, vorn, in der Mitte und am Ende unserer
Reihe Bewacher mit umgehangener Kalaschnikow. Es war bald
Mittag geworden. Wir marschierten aus Breslau raus. Bis zum späten
Nachmittag liefen wir die Landstraße entlang. Vor einem Bauernhof
wurde halt gemacht, er war verlassen, kein Deutscher war zu sehen.
Ein russischer Offizier machte uns im gebrochenen Deutsch verständlich,
hier wird übernachtet. Aus der Scheune mußten wir Stroh
holen, jeder machte sich im Haus ein Lager fertig. Verpflegung noch
nicht da, hieß es, alle murrten. „Wir warten bis der Verpflegungswagen
kommt”, riefen wir. Dann endlich, es wurde schon dunkel, kam der
Pferdewagen. Jeder erhielt 200 gr. Brot und einen Eßlöffel
Zucker. Das war gleich mit für den nächsten Tag als Frühstück
gedacht. Heißhungrig wurde alles aufgegessen. An der Wasserpumpe
reinigten wir uns so gut es ging vom Staub, es war schrecklich,
wir konnten uns doch nicht vor allen ausziehen. Dicht gedrängt
lagen wir dann Frauen und Männer im Stroh auf dem Fußboden.
Vertrieben aus dem Schlesierland,
der Heimat Schönheit,
Reichtum wohlbekannt!
Zum Bahnhof getrieben als wäre noch
Krieg,
man war doch stolz auf den Sieg!
Mit oder ohne Gepäck,
Deutsche mußten auf der Stelle weg!
Ob Frau, Kinder oder Greis,
raus war das Losungswort,
Deutsche müssen alle fort!
Die Vertreiber haben auch einen
Namen,
es waren Polen, die so hausten,
uns alles Liebgewesene
mausten!
Keines der anderen Länder widersprach,
sie gönnten
uns alle diese unmenschliche Schmach.
Das Menschenrecht vermissen
wir,
welches jetzt gepriesen wird, heut und hier!
Wir Vertriebenen
fordern es jetzt ein,
daß wir vergessen werden, das darf
niemals sein!
Schafft endlich einen Friedensvertrag,
der schon lange fällig
war;
Schluß mit der Vertreibung und Ausbeuterei!
Deutsches
Vaterland, werde endlich frei!
Irma Fuhrmann
| 61kB 1985×3088 |