BGD - Bund für Gesamtdeutschland

Unsere Deutsche Heimat

Ausgabe 62  ¦  Oktober – Dezember 2002


„Holt mal die Frau Schmidt aus dem Keller“
oder: Der etwas andere Nikolaus.

Alle Jahre wieder — vor dem Nikolaus-Tag — hieß uns unsere Mutter: „Holt mal die Frau Schmidt aus dem Keller!“

Nun werden Sie wohl fragen: Was für eine Frau Schmidt, und was macht sie im Keller, — warum muß man sie holen, ist ihr schlecht geworden oder hat sie etwa jemand … nein, nichts dergleichen.

Frau Schmidt war gar nicht Frau Schmidt, Frau Schmidt war der Nikolaus! Der Nikolaus, den ich zu Hause, als Schülerin, auf Sperrholz aufgezeichnet und dann bunt bemalt hatte. Mit einem dicken Wintermantel, Pelzkragen, Pelzmütze, — die Nase rotgefroren, Bischofsstab in der Hand, an den Füßen „Potschen“ (jeder Schlesier weiß, was das ist) und auf dem Rücken einen Rucksack, aus dem ein „Hoppek“, ein Kasperle, hervorlugte.

Als ich den Nikolaus dann meinen Brüdern vorstellte, sagten sie wie aus einem Mund: „Das ist ja die Frau Schmidt!“ Tatsächlich — der Nikolaus sah unserer netten Nachbarin, der Frau Schmidt, ganz ähnlich. Das war reiner Zufall. Ich war zwar gut im Karikaturen-Zeichnen, doch diese Ähnlichkeit war nicht gewollt. Sie war aber da, ganz offensichtlich, und seitdem war der Nikolaus eben „Frau Schmidt“, von uns herzlich geliebt.

Als wir dann später — im Januar 1945 — auf die Flucht gehen mußten — bei 15 Grad Kälte, im offenen Viehwagen, nahm eben jeder so viel mit, wie er tragen konnte — und da war für einen hölzernen Nikolaus kein Platz — er mußte wie so vieles, geliebtes, zurückbleiben. Bei dieser Gelegenheit sagte einer von uns: „Wir müssen doch dem Papa irgend etwas von zu Hause mitnehmen“ — mein Vater war im Krieg. Wir stopften also in irgendeinen Rucksack seinen großen Opossum-Pelzkragen noch hinein, mit dem er dann hier im Winter — er kam aus russischer, polnischer und tschechischer Gefangenschaft, Gott sei Dank, zurück — immer aufgefallen ist.

In der neuen Heimat, im Schwarzwald, in der Weihnachtszeit, hatten wir Heimweh nach unserem Nikolaus (welches Polenkind wird jetzt wohl mit ihm spielen?). Da zeichnete ich ihn aus dem Gedächtnis möglichst naturgetreu nach. Mein Bruder sägte ihn sogar aus Sperrholz wieder aus, bemalte ihn, und ließ dann ein Photo von dem Kerlchen machen und dieses einrahmen — und zwar gleich mehrmals. Nun haben meine Töchter auch einen bekommen — und eines Tages wird vielleicht jemand zu meinen Enkelkindern auch sagen „Holt mal die Frau Schmidt aus dem Keller“.

Christa Thoma / Klisch


UDH Nr. 62

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