Die Geschichte, daß Helgoland gegen Sansibar eingetauscht worden sei, ist eine grobe Vereinfachung, die durch ein Mißverständnis zustandekam. In Wirklichkeit war es um einiges verwickelter. Folgende Quellen seien empfohlen:
Im Großen Wendig [⇐ S.37 Band 3] ist zu finden: ‡)
Durch Geschichtsbücher, Lexika und Medien geistert die Angabe, daß am 1. 7. 1890 im sogenannten Helgoland-Sansibar-Vertrag Deutschland von Großbritannien die Insel Helgoland im Tausch gegen die Insel Sansibar erhalten habe. 1)
Doch das trifft nicht zu. Sansibar hat nie zum Deutschen Reich gehört, sondern war ein souveränes arabisches Sultanat. Das Tauschobjekt für Helgoland war in Wirklichkeit die deutsche Kolonie Wituland in Ostafrika — noch heute zeugen seltene Briefmarken aus Deutsch-Witu von dem deutschen Besitz —, die der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt blieb. Die Kolonie erstreckte sich von der Tana-Mündung in Kenia bis zur Mündung des Juba-Flusses in Somalia — über 300 Kilometer Küstenlinie. 2)
Witu erwarben die Deutschen auf abenteuerliche Weise. Es war seit 800 Jahren der Hauptsitz der Sultane der Nabahanis. Ihr Todfeind war der Sultan von Sansibar, denn alle Sklaven, die aus seinem Machtbereich flohen, fanden beim Sultan von Witu Asyl, der die Sklaverei längst abgeschafft hatte. 3)
Sultan Achmed von Witu suchte einen mächtigen Partner, der die Schutzherrschaft über Witu wegen der ständigen Attacken aus Sansibar übernehmen sollte. Über den deutschen Afrikaforscher Brenner forderte er 1867 Preußen auf, das aber zu der Zeit andere Sorgen hatte. 1885 stimmte Bismarck jedoch dem Begehren des Sultans zu, Vermittler waren die Brüder Clemens und Gustav Denhardt, die sich in Ostafrika kaufmännisch und wissenschaftlich betätigten und die Voraussetzungen für den deutschen Erwerb des Landes schufen. So wurde Witu-Land deutsch, was aber nicht im Interesse der Engländer lag, denen ein großbritisches Afrika vorschwebte. 4)
Englands damaliger Premierminister Lord Salisbury hielt Helgoland für strategisch bedeutungslos und sah keinen Grund, es zu behalten. Seit 1873 plante Bismarck, die rote Insel ins Reich zurückzuholen, die ursprünglich deutsch, dann dänisch (1714) und ab 1807 britisch geworden war. Das entsprechende Abkommen lief nicht, wie fälschlicherweise behauptet wurde, unter der Bezeichnung ›Helgoland-Sansibar-Vertrag‹, sondern unter ›Vertrag über Kolonien und Helgoland‹. Wichtigster Posten in dem Abkommen war Witu-Land, dazu das Nagami-Gebiet in Südwest-Afrika, jüngste Erwerbungen von Dr. Carl Peters in Uganda und bei Mombasa, dazu Grenzkorrekturen in Kamerun und Togo. Deutschland verpflichtete sich, die Schutzherrschaft Großbritanniens über die Inseln Sansibar und Pemba anzuerkennen. In Südwest-Afrika erhielt Deutschland den Caprivi-Zipfel. 5)
Die irrtümliche Ansicht, daß Helgoland gegen Sansibar eingetauscht worden sei, entstand wenige Tage nach Vertragsabschluß. Bismarck, der sich nach seiner Entlassung auf sein Jagdschloß Friedrichsruh zurückgezogen hatte, wurde von Reportern bestürmt und gefragt, was er von dem Vertragsabschluß seines Nachfolgers halte. Bismarck, in der Rolle des Ausgebooteten, antwortete verstimmt, daß man in der Politik mehr Ausdauer aufbringen müsse; nach ein paar Jahren Geduld und Verhandlungen hätten wir — nicht die Engländer — Sansibar haben können. So aber sei das ein Verlust für uns.
Die Reporter griffen das Wort ›Verlust‹ auf, und am nächsten Tag stand überall zu lesen, daß Deutschland das große Sansibar gegen das kleine Helgoland verloren habe. Jedes Dementi half nichts mehr. Die falsche Meinung ›Helgoland gegen Sansibar‹ setzte sich durch. 6)
In Witu-Land schlug die Nachricht wie eine Bombe ein. Das kleine Volk fühlte sich von den Deutschen verraten und verkauft. Denn nun war es den Engländern und Sansibar bedingungslos ausgeliefert. Die Deutschfreundlichkeit wandelte sich in wilden Haß, und alle Deutschen, deren man habhaft werden konnte, wurden erschlagen. Daraufhin führten die Engländer eine Strafaktion durch, bei der der Sultan an Gift im Gefängnis starb. 7)
2) »Eine abgetragene Dankesschuld«, in: Mitteilungsblatt des Traditionsverbandes ehemaliger Schutz- und Überseetruppen, Mai/Juni 1967, S. 15.
3) Burkhard Vieweg, Macho-Porini, Margraf, Weikersheim 1996, S. 151.
4) Burkhard Vieweg, »Die vergessene Geschichte von Deutsch-Witu oder Helgoland gewonnen — Witu verloren«, Mitteilungsblatt des Traditionsverbandes ehemaliger Schutz- und Überseetruppen, 3, 1993, S. 63-72.
5) Burkhard Vieweg, »Die Schutzbefohlenen verraten«, in: Generalanzeiger Bonn, 9.8.1990, S 21.
6) »Nachdenken über Patriotismus in Deutschland«, in: Welt am Sonntag, 12.8.1990; Burkhard Vieweg, »Betr: Uwe Greve ›Der rote Felsen von Helgoland‹« in: MUT, Nr. 6, 1990.
7) Burkhard Vieweg, »Die vergessene Geschichte von Deutsch-Witu«, in: Deutsche Geschichte, Nr. 11, 1996.
‡) Kosiek, Rolf & Rose, Olaf (Hg.): Der Große Wendig — Richtigstellungen zur Zeitgeschichte Band 3; € 39,90; 928 Seiten, Leinen, 807 Abbildungen; ISBN–13: 978–3–87847–235–3.