Diese Veröffentlichung beleuchet Hintergründe zum 1. September 1939:
Gigi Romeiser 63477 Maintal/Dörningheim |
5.7.2007 |
Frau Prof. Dr. Gesine Schwan
Postfach 1786 - Teutonenstraße 6
14129 Berlin
e-mail: präsident@euv-frankfurt-o.de
Im April 1950 stellte Senator William Langer vor dem US-Senat fest:
„Die Massenvertreibung ist eines der größten Verbrechen, an welchem wir
direkt Anteil haben… In der gesamten Geschichte findet sich nirgends
ein so scheußliches Verbrechen aufgezeichnet wie in den Berichten über
die Begebenheiten in Ost- und Mitteleuropa. Schon 15 bis 20 Millionen
wurden von den Stätten ihrer Vorfahren entwurzelt, in die Qual einer
lebendigen Hölle geworfen oder wie Vieh über die Verwüstungen
Osteuropas getrieben. Frauen und Kinder, Alte und Hilflose, Unschuldige
und Schuldige wurden Greultaten ausgesetzt, die noch von niemandem
übertroffen wurden.“
Sehr geehrte Frau Professor Schwan,
für Ihren mehr als enttäuschenden Brief (v. 30.5.07) auf meine
ausführliche Beschreibung der Vertreibungsverbrechen (v. 11.4.07) darf
ich mich bedanken. Sie wünschen die kausale Abfolge zwischen
Nationalsozialismus und Vertreibung beachtet zu wissen. Aber so, wie
die Abfolge von Ihnen interpretiert wird, unterliegen Sie einem Irrtum.
Der Wille zur Vertreibung der Deutschen hat in Polen lange vor Hitler
begonnen.
Um der Argumentation Redlichkeit zu verleihen, darf man nicht
ausschließlich den Blick auf 1939 richten, man muß 1918 beginnen, denn
nur so kann historisch korrekt – nicht politisch korrekt – diskutiert
werden.
Ihre verantwortungsvollen Posten als Präsidentin der
Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder, als Schirmfrau der
Gemeinschaft für studentischen Austausch in Mittel- und Osteuropa und
als Mitglied im Kuratorium des Europäischen Jugendparlaments in
Deutschland müssen für Sie Verpflichtung sein, die durch die Öffnung
vieler Geheimarchive inzwischen vorliegenden Fakten weiterzugeben. Sie
haben Geschichte und Politikwissenschaft studiert, Sie sind besonders
legitimiert, die jungen Menschen, die hier wie dort selbst nicht
schuldig geworden sind, aufzuklären, da nur dadurch eine dauerhafte
Versöhnung zustande kommen kann.
Die deutsche Schuld ist hinlänglich bekannt, sie wird uns
Nachgeborenen täglich vor Augen geführt, vor allem den deutschen
Schülern in nahezu allen Schulfächern.
Ich erlaube mir deshalb – aus aktuellem Anlaß – mich heute mit Polen
zu befassen. Da Sie – gleich mir – Wert auf die kausalen Zusammenhänge
legen, beginne ich mit 1918 – ja sogar 1916.
Wußten Sie, geehrte Frau Professor Schwan,
-
daß am 5. November 1916 Deutschland Geburtshilfe leistete bei
der Gründung eines selbständigen Polen (nach 120 Jahren)? Aus
„Dankbarkeit“ besetzte Polen schon ab November 1918 die deutsche
Provinz Posen.
- daß Polen 1918 die ersten europäischen KZ`s gründete und daß es
ab 1944 für Deutsche im altpolnischen und im Oder-Neiße-Gebiet 1256
polnische Konzentrationslager gab?
- daß Polen seit 1918 alle Hebel ansetzte, die unter der
Verwaltung des Völkerbundes stehende und zu 97 Prozent von Deutschen
bewohnte Stadt Danzig zu annektieren? Und im Sommer 1939 in Danzig
zunehmend provozierte, die Wirtschaft immer stärker strangulierte,
die Deutschen terrorisierte und dabei keine Verhandlungsbereitschaft
trotz vielfältiger deutscher Bemühungen zeigte?
- daß Polen mit keinem Nachbarn in Frieden lebte? „1919 greift
Polen die Sowjetunion und das inzwischen unabhängige Litauen an. Am
18. März 1921 verzichtet Rußland im Frieden von Riga auf das ‚Ostpolen‘
seinerseits der Curzon-Linie. Es verliert damit 5 Millionen Ukrainer,
1,2 Millionen Weißrussen und etwa 1 Million Juden als Bürger seines
Landes. Polen gewinnt dazu noch die etwa 1,5 Millionen Polen, die dort
lebten. Mit dem eroberten Gebiet liegt die neue Staatsgrenze Polens 250
km innerhalb des russischen Sprachraums. Der dritte Staat, von
dem Polen Land verlangt, ist die Tschechoslowakei. Es geht um das
Teschener Gebiet. In der letzten Septemberwoche 1938 läßt Polen dann
ein Armeekorps bei Teschen aufmarschieren und droht der tschechischen
Regierung mit Krieg. Die Tschechen … geben nach und Polen besetzt am
1.10. das umstrittene Gebiet. Das vierte Land, mit dem Polen keinen
Frieden findet, ist das Deutsche Reich im Westen. Außer Lettland und
Rumänien hat Polen nun keinen Nachbarn mehr, den es seit 1918 nicht
zumindest einmal angegriffen hat.“ (Quelle: Gerd Schultze-Rhonhof, „Der
Krieg, der viele Väter hatte“, Teil 5, Seite 333 bis 509, 2. Auflage
2003) Hervorhebung G. Rom.
- daß Polen ab 1920 schwerste Menschenrechtsverletzungen an den
11 Millionen Menschen der polnischen Minderheiten (Deutsche, Juden,
Ukrainer, Weißrussen) im Vielvölkerstaat begangen hat?
- daß Polen auch die zur Minderheit zählenden 2,5 Millionen Juden
als Problem betrachtete? „Die antisemitische Bewegung, wie Halecki das
bezeichnet, führt dazu, daß in den Jahren von 1933 bis 1938 insgesamt
557.000 Juden ihr polnisches Heimatland verlassen und Zuflucht im
benachbarten Deutschland suchen (von wo aus im gleichen Zeitraum
170.000 deutsche Juden ins Ausland emigrierten). Die deutschen
Reichsbehörden versuchten, etwa 50.000 von diesen flüchtenden Juden
wieder nach Polen abzuschieben. Die polnische Polizei verhindert die
Rückkehr dieser armen Menschen und treibt sie an den Grenzen mit
Bajonetten zurück zur deutschen Seite. Dies Vertreiben und dies
Abweisen von Juden ist ein für Deutschland und Polen gleichermaßen
zutiefst beschämendes Stück gemeinsamer Geschichte. Polen entzieht den
nach Deutschland und andernorts emigrierten Juden alsbald die polnische
Staatsbürgerschaft.“ (Quelle: Benoist-Méchin, Band 7, Seite 39 -
zitiert Gerd Schultze-Rhonhof, „Der Krieg, der viele Väter hatte“, Teil
5, Seite 333 bis 509, 2. Auflage 2003) Hervorhebung G. Rom.
- daß man in Posen 1921 auf Plakaten lesen konnte: „Wer noch im
Juli 1921 da ist von dem deutschen Gesindel, wird ohne Ausnahme
niedergemacht, und die größten Hakatisten (Verein zur Förderung des
Deutschtums) werden mit Benzin, Petroleum und Teer begossen, angesteckt
und verbrannt. Jetzt kommt ihr alle dran... alle Ärzte, Pastoren,
Rechtsanwälte, Domänenpächter, Ansiedler, Besitzer aller Art, wer
Deutscher oder Jude ist.“
- daß am 10. April 1923 der polnische Ministerpräsident Sikorski
im Posener Rathaus feststellte, daß „die deutsche Gefahr“ nicht eher
beseitigt sei, als bis alles deutsche Land in polnische Hände
übergegangen sei? Er sicherte zu, daß die Liquidation deutscher Güter
und Industrieunternehmen rücksichtslos weitergeführt würde.
- daß am 9. Oktober 1925 in der Gazeta Gdansk zu lesen war:
„Polen muß darauf bestehen, daß es ohne Königsberg, ohne ganz
Ostpreußen nicht existieren kann. Wir müssen jetzt in Locarno fordern,
daß ganz Ostpreußen liquidiert wird. Sollte dies nicht auf friedlichem
Wege geschehen, dann gibt es ein zweites Tannenberg.“ (Gemeint ist jene
Schlacht von 1410, in der ein polnisch-litauisches Heer das Heer des
Deutschen Ordens geschlagen hatte.)
- daß 1930 die Pilsudski-nahe Zeitschrift Mocarstwowiec schrieb:
„Wir sind uns bewußt, daß Krieg zwischen Polen und Deutschland nicht
vermieden werden kann. Wir müssen uns systematisch und energisch für
diesen Krieg vorbereiten. Die heutige Generation wird sehen, daß ein
neuer Sieg bei Tannenberg in die Seiten der Geschichte
eingeschrieben wird. Aber wir werden dies Tannenberg in den Vorstädten
von Berlin schlagen. Unser Ideal ist, Polen mit den Grenzen an der Oder
im Westen und der Neiße in der Lausitz abzurunden und Preußen vom
Pregel bis zur Spree einzuverleiben. In diesem Krieg werden keine
Gefangenen genommen. Es wird kein Platz für humanitäre Gefühle sein.
Wir werden die ganze Welt mit unserem Krieg gegen Deutschland
überraschen.“ (Hervorhebung G. Rom.)
- daß am 14. Dezember 1931 der englische Manchester Guardian
die polnische Nationalitätenpolitik als eine „Hölle“ beschreibt? „Die
Minderheiten in Polen sollen verschwinden“, so schreibt das Blatt.
„Diese Politik wird rücksichtslos vorangetrieben, ohne die geringste
Beachtung der öffentlichen Meinung in der Welt, der internationalen
Verträge und des Völkerbundes. Die Ukraine ist unter polnischer
Herrschaft zur Hölle geworden. Von Weißrußland kann man dasselbe mit
noch größerem Recht sagen. Das Ziel der polnischen Politik ist das
Verschwinden der nationalen Minderheiten auf dem Papier und in der
Wirklichkeit“.
- daß 1931 der ehemalige Außenminister Dmowski den Standpunkt
vertrat, daß nur die „völlige Austreibung“ der Juden aus Polen die
Judenfrage lösen könne?
- daß in „Nation“, einer der bedeutendsten Zeitschriften der USA,
am 2. April 1938 William Zuckermann (selbst Jude) schrieb: „In den
letzten Jahren haben die Juden in Polen beinahe ständige körperliche
Angriffe und Pogrome erdulden müssen… Dieser Ausbruch antisemitischer
Bestialität findet seinesgleichen in Europa, nicht einmal im
Nazideutschland, wo trotz der gemeinen Propaganda … und der grausamen
jüdischen Gesetze des Staates, das Volk selbst sich durch kein einziges
antijüdisches Pogrom entwürdigt hat.“
- daß am 15. Juni 1932 Lord Noel-Buxton vor dem Oberhaus in London
über eine Tagung des Rats zu diesem Thema berichtet hat? …„Vor allem
wurde auf der Januar-Tagung ein Bericht verhandelt, der sich mit der
sogenannten Terrorisierung beschäftigte, die im Herbst 1930 in der
Ukraine stattgefunden hat …Assimilierung durch Zerstörung der Kultur
ist an der Tagesordnung. … Aus dem Korridor und aus Posen sind bereits
nicht weniger als 1 Million Deutsche seit der Annexion abgewandert,
weil sie die Bedingungen dort unerträglich finden.“
- daß Polen unter Pilsudski ab Februar 1933 (!) drei Versuche
unternahm, Frankreich zu einem gemeinsamen Angriffskrieg gegen
Deutschland zu bewegen? Und daß der polnische Außenminister Beck
sich März 1936 (!) erneut um Frankreichs Mithilfe bei einem
Angriffskrieg gegen Deutschland bemühte?
- daß Polen im September 1934 einseitig den
Minderheitenschutzvertrag kündigte, den es 1919 auf Verlangen der
Siegermächte hatte schließen müssen?
- daß die Polen im September 1938, als Hitler Verhandlungen über
die Zukunft der Stadt Danzig forderte und eine Garantie für sichere
Verkehrsverbindungen ins abgetrennte Ostpreußen, die Feindschaft gegen
ihre deutsche Minderheit wieder verschärfte? Terrorakte gegen Deutsche,
die Zerstörung deutscher Geschäfte und Brandstiftungen auf deutschen
Bauernhöfen wurden zum Pogrom. Nach der Rückgliederung des Memellandes
an das Reich im März wurde die Lage der Deutschen in Polen gänzlich
unerträglich.
- daß Polen Ausschreitungen gegen Deutsche ab Mai 1939 erneut
forcierte? Auf dem Lande wurden deutsche Höfe in großer Zahl von Polen
angezündet, die Bauern weggetrieben, Menschen in den Städten
verprügelt, in Einzelfällen totgeschlagen. Deutsche Gottesdienste
wurden so häufig gestürmt und aufgelöst, daß sich der Vatikan genötigt
sah, dies bei der polnischen Regierung zu beklagen.
- daß die polnische Wochenzeitschrift Naród w Walce (Volk im
Krieg) am 20. Juli 1939 forderte: „Danzig muß polnisch bleiben und
Deutschland muß gezwungen werden, den ostpreußischen Raum ohne
Bevölkerung an Polen abzutreten.“
- daß die Deutsche Reichsregierung im Sommer 1939 Auffanglager
einrichten muß, um des Stromes deutscher Flüchtlinge aus Polen Herr zu
werden?
- daß die Berichte über den Umgang der Polen mit ihrer deutschen
Minderheit und die Schilderungen der Geflohenen Öl aufs Feuer des
deutsch-polnischen Verhältnisses in den letzten Wochen und Tagen vor
dem Kriegsausbruch waren? Die Auseinandersetzung um die Zukunft Danzigs
bekam so eine zweite Dimension. Mit dem Flüchtlingsstrom aus Polen kam
im Sommer 1939 in Deutschland erneut Empörung über die Behandlung der
Landsleute im Nachbarland Polen auf. Es zirkulierte die unheilvolle
Redewendung: „Wann macht der Führer dem ein Ende?“
- daß Polen sich, „… anders als von den Siegermächten des Ersten
Weltkrieges vorhergesehen und gewünscht, nicht zu einem Vielvölkerstaat
nach Art der Schweiz entwickelt? Es verspielt von Angang an die Chance,
die Minderheiten in ein neues Vaterland zu integrieren. …Das Bemühen,
die Identität der Deutschen, Juden, Weißrussen und Ukrainer zu
zerstören, dreht Haß und Terror in einer Spirale fast zwei Jahrzehnte
lang nach oben.“ (Quelle: Gerd Schultze-Rhonhof, „Der Krieg der viele
Väter hatte“, 2. Auflage 2003)
- daß im Juni 1939 Marschall Rydz-Smigly vor polnischen Offizieren
erklärte: „Polen will den Krieg mit Deutschland und Deutschland wird
ihn nicht verhindern können, selbst wenn es das wollte.“
Eine juristische und moralische Aufarbeitung dieser unheilvollen 20
Jahre hat es bis heute nicht gegeben. Um der Redlichkeit willen darf
das, was in der Zeit von 1918 bis 1939 in und durch Polen geschah,
nicht verschwiegen werden.
Niemand konnte mir erklären, wie die polnische Regierung während des
Europa-Gipfels im Juni diesen Jahres auf die Zahl von 66 Millionen
Einwohner kam, die sie hätten, ohne die Kriegsjahre 1939 bis 1945.
Viele allerdings konnten mir erklären, wie die Zahl von 6 Mio
Opfertoten zustande kam. Im „Statistischen Jahrbuch“ Polens aus dem
Jahre 1956 findet sich eine Gegenüberstellung der polnischen
Bevölkerungszahlen von 1931 – insgesamt 29.892.000 EW und von 1946 mit
23.625.000 EW. Damit hat Polen 6,2 Millionen seiner Gesamtbevölkerung
verloren. Bei dieser Rechnung werden auch schon 1931 die Städte
Allenstein, Danzig, Köslin, Stettin, Grünberg, Breslau und Oppeln zu
Polen gezählt, wo zu dieser Zeit 8.353 Millionen Deutsche lebten und
nochmals 267.251 Deutsche in Danzig. Bei den Zahlen von 1946 fehlen
schließlich 3.378 Millionen Deutsche, die bis dahin geflohen,
vertrieben oder ermordet waren, und auch die Opfer Stalins, dessen
Truppen am 17. September 1939 Polen angegriffen hatten.
Der Historiker Dr. Alfred Schickel dazu: „Eine solche Rechnung ist
nicht nur fehlerhaft, sie verletzt auch die an anderer Stelle
gewürdigte moralische Kategorie, wenn die um Haus und Hof gebrachten
heimatvertriebenen Ostdeutschen dann auch noch als statistisches
Material der Vertreiber hergenommen werden.“ (Hervorhebung G. Rom.)
Die Ausführungen beweisen, daß das Verbrechen der Vertreibung nicht
durch Hitler verursacht, sondern lange vor ihm geplant worden ist.
Mit freundlichen Grüßen
Gigi Romeiser
Anlage: Erlebnisbericht von Herrn H.-J. Rotzoll, er beschreibt die Situation an der Grenze zu Deutschland unmittelbar vor dem 2. Weltkrieg.